Warum „Obwohl“ ausgedient hat

Nicht nur der Dezember, sondern auch das ganze abgelaufene Jahr ist ein Fall für „Pathomisten“ – pathologische Optimisten, die auf ein ganz kräftiges „Trotzdem“ vertrauen. Das Letzte im Dezember.

Beginnen wir einmal mit einem ersten Blick zurück. Ob im Zorn, oder dann doch lieber ohne, sei jedem und jeder überlassen. Der letzte Monat des Jahres hat mit dem „Atlas der Zerstörung“ einen Schlusspunkt gesetzt. Der nämliche Atlas – einer unter vielen derartigen Atlanten – analysiert das Business der deutschen Bundesregierung im Energiesektor.

Man braucht hier nicht näher darauf einzugehen, denn der Titel lässt wenig Zweifel aufkommen, wie die „deutsche Umwelthilfe“, der Atlas-Herausgeber, Berlins Geschäfte mit Öl und Gas einordnet.

Mit Blick auf die dadurch ausgelöste CO2-Bilanz ergibt sich ein klares und eindeutiges Bild. Was hier aufgezeigt wird, lässt sich wohl auf andere Länder und auch andere Themen übertragen.

Ist nicht längst alles gesagt?

Eine Frage lässt sich jedenfalls aufwerfen: Wie sinnvoll ist es denn überhaupt, Kompendien wie diesen Atlas zu verfassen und dann auch noch einer breiteren Öffentlichkeit zu unterbreiten? Ist nicht längst alles gesagt? Jeder neue Bericht wird gerne als Wiederholung abgehakt, in die Dunkelkammer der Wahrnehmung geschoben, verbunden vielleicht mit dem angedeuteten Achselzucken; mehr schon nicht.

Auf der Strecke bleibt dabei, dass die scheinbare Wiederholung eben keine Wiederholung, sondern immer wieder die Neuauflage eines ähnlichen, und im Grunde bekannten Musters ist. Das Wesen eines Musters ist freilich, dass es aus vielen einzelnen – kleinen, und oft auch weniger kleinen – Facetten besteht. Eine jede für sich ist ein Ereignis mit Folgen. Und es gibt immer jemanden, der von diesen Folgen betroffen ist, oft auch daran leidet.

Jene, die das Schlaflied summen

Die Rede ist von der Klimakrise, den vielfältigen Umweltschäden, die immer wieder neu zu beschreiben sind. Die Nicht-Betroffenen reagieren häufig mit Achselzucken, einem „Schon gehabt.“

Beschrieben wird hier die angebliche „Müdigkeit“, die die Rezeption von Klimakrise und Umweltthemen mit gnadenloser Beharrlichkeit in den Schlaf zu wiegen beabsichtigt. Jene, die das Schlaflied summen, sind allerdings nur selten guten Geistes. Denn wenn von Umwelt die Rede ist, kommt sehr rasch das Geld ins Spiel.

Das Klimpern barer Münze

Und so füllt das Summen den Raum, um die Stimmen all jener zu übertönen, die Klimakrise und Umweltprobleme nicht unter den Teppich gekehrt wissen wollen. Das Mantra ist dem Klimpern barer Münze geschuldet.

Manchmal werden „Win-win-win“-Situationen aus dem Hut gezogen, die es tatsächlich auch gibt. Allerdings nicht in dieser Dichte und Intensität, die oftmals behauptet wird. Vielmehr werden wir uns auch damit anfreunden müssen, dass es unbequeme Realitäten gibt; auch Notwendigkeiten, jetzt etwas zu tun, nicht erst später.

Wir sind schon einen großen Schritt weiter. Denn in den 1980er und 1990er Jahren waren derartige Feststellungen, dass man schon jetzt etwas tun müsse, immer von einem kräftigen „Obwohl“ verfolgt. Das lautete dann so: „Obwohl wir noch nicht in allen Bereichen Gewissheit haben.“

Einen großen Schritt weiter

Dieses „Obwohl“ hat ausgedient, das ist der große Schritt. Denn was damals noch unsicher war, ist heute längst abgehakt von jenen, die sich auskennen und ihr Metier Jahre und Jahrzehnte studiert haben.

Ihnen eine Agenda zu unterschieben, von einer Ideologie befeuert zu sein und eine Klimakrise, die es gar nicht gibt, herbeireden zu wollen, ist die große Groteske der Gegenwart – und dreht den Spieß geradewegs um; zumal diese Vorwürfe von Leuten gestreut werden, die Aber- und Aber-Millionen sprudeln lassen, um die eigenen geschäftlichen Interessen einzunebeln, um sie ungestört weiterzuführen und auszuweiten.

Berichte aus der Realität der Klimakrise oder des Artenschwunds können da bloß stören und dem Summen des Schlaflieds Dissonanzen untermischen. Solche Begegnungen mit der realen Wirklichkeit sind in einer Gegenwart umso wichtiger, in der jene die Oberhand zu haben scheinen, die Unwahres zu Wahrem umdeuten wollen, in denen die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit verschoben werden und Fakten einfach vom Tisch gewischt werden.

Die Stunde des Trotzdem ist angesagt

Das hat Folgen gezeitigt, nachdem US-Präsident Donald Trump und seine Leute nicht nur den Abgesang der USA an die Klima-Konvention und das Pariser Abkommen eingeläutet haben, sondern sich auch in vielen anderen Bereichen der globalen Verantwortung entzogen haben und vielem, was bisher als selbstverständlich gegolten haben mag, den Rücken kehren.

Und der zweite Blick zurück? Der versucht, das Geschehen des zu Ende gehenden Jahres in das Kontinuum der vergangenen Jahrzehnte einzuordnen. Es ist die Stunde des „Trotzdem“ angesagt – zu versuchen, „trotzdem“ die neuen Erkenntnisse aufzunehmen, „trotzdem“ das Wissen um das Bekannte zu vertiefen, „trotzdem“ die Zusammenhänge anzunehmen, „trotzdem“ die Schlüsse daraus zu ziehen.

„Trotzdem“ ist ein Fall für pathologische Optimisten. Die sind heute notwendiger denn je.


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