35:1 – Der Kollaps erscheint vorgezeichnet

(c) Pixabay

Mehr als 150 Staaten stimmen überein, dass eine unversehrte Natur mehr ist als romantische Vorstellung, sondern eine unverzichtbare Basis der Wirtschaft. Das zeigt ein internationaler Bericht.

79 Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus 35 Ländern haben am Montag einen Bericht vorgelegt, der – bei genauer Betrachtung – Ergebnisse zutage fördert, die nicht neu erscheinen, wenn man eine ganzheitliche Perspektive einnimmt. Die alltägliche Realität freilich zeigt, dass der Bericht und dessen Feststellungen keinesweges alltägliches Allgemeingut sind.

Der Bericht, um den es hier geht, ist das „Business and Biodiversity-Assessment“, der am Montag in Manchester von IPBES veröffentlicht worden ist. Diese Präsentation war der Schlusspunkt des Treffens der „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“.

Einstmmig, unabhängig

Sie ist im April 2012 als unabhängige, wissenschaftliche Plattform von der IUCN (International Union for the Conservation of Nature) initiiert worden – vergleichbar mit dem IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), das den Arbeitsauftrag 1988 von der Welt Meteorologie Organisation (WMO) erhalten hat.

Das Besondere an dem Bericht ist, dass dessen „Summary for Policymakers“ von den mehr als 150 Mitgliedsstaaten beschlossen worden ist – einstimmig, andernfalls wäre diese Zusammenfassung nicht zustande gekommen. Auch dieses Einstimmigkeitsprinzip ist eine Parallele zu den Klima-Berichten des IPCC.

Abhängig von der Biodiversität

IPBES richtet den Fokus auf Natur und Biodiversität. In dem jetzt erschienenen Report wird nicht nur der alarmierende Zustand der natürlichen Umgebung dargestellt, sondern vor allem der Fokus darauf gerichtet, was dies für die Wirtschaft bedeutet.

„Jede Branche der Wirtschaft hängt von der Biodiversität und jede Branche der Wirtschaft beeinflusst diese Biodiversität.“ Das ist einer der Kernsätze des IPBES-Berichts – und hat eine weitreichende Bedeutung – insbesondere dann, wenn er von den Regierungen der IPBES-Mitgliedsstaaten geteilt und getragen wird. Denn dieser eine Satz skizziert das Dilemma, in dem die Menschheit ist, unmissverständlich. Wobei: „Biodiversität“ ist nicht auf die Artenvielfalt begrenzt (die wesentlich ist), sondern steht auch für alle „Ökosystem-Dienstleistungen“ – etwa sauberes Wasser, saubere Luft, oder auch Rohstoffe – nachwachsende (etwa Holz) oder nicht erneuerbare (Kohle, Öl und Gas zum Beispiel).

„Perverse Förderungen“

Das derzeitige Wirtschaftssystem zielt allerdings nicht auf Balance ab. Denn es ist sehr oft mit geringen oder überhaupt keinen Kosten verbunden, wenn Unternehmen die Natur und ihre Vielfalt beeinträchtigen oder punktuell zerstören. Und andererseits ist es sehr oft so, dass es keinerlei oder nur wenig Vorteile bringt, wenn ein Unternehmen Rücksicht auf Natur und Umwelt nimmt.

Diese Situation ist auf „unangebrachte oder perverse Förderungen“ zurückzuführen, so der Bericht, die verhindern, dass das zerstörerische System geändert werden kann. Dazu kommt noch, dass die Gegenwart gekennzeichnet ist durch einen ständig steigenden Material-Einsatz und -Verbrauch.

„Verwirrung beenden“

„Dieser Bericht fußt auf Tausenden von Quellen und bringt Jahre der Forschung und der Praxis in einen integrierten Bericht zusammen, der sowohl die Risiken für die Wirtschaft aufzeigt, als auch die Chancen, hier entschieden gegenzusteuern“, sagt Matt Jones, einer der drei Co-Chairs des Berichts. „Das ist ein entscheidender Augenblick für die Wirtschaft, Finanz-Institutionen, Regierungen und die Zivilgesellschaft.“

Es gehe darum, die Verwirrung zu beenden und „die Klarheit des Berichts“ anzuwenden, so Jones, um konsequente Schritte zu setzen und die Transformation der Wirtschaft zu starten. „Die Wirtschaft und andere Schlüsselgruppen können entweder den Weg zu einer nachhaltigeren globalen Ökonomie einschlagen oder letztendlich die Vernichtung riskieren.“

2023: 7,3 Billionen Dollar

Der Gegenpol zu einer verantwortungsvollen und ganzheitlichen Verständnis von „Buisness“ ist „Business-as-usual“. So gebe es Förderungen in hohem Ausmaß, die den Verlust an Biodiversität vorantreiben. Solche Förderungen werden häufig von Lobby-Gruppen und Standesvertretungen unterstützt.

Für 2023 hat das bedeutet, dass öffentliche und private Geldflüsse mit einem direkten, negativen Einfluss auf die Natur eine Summe von 7,3 Billionen US-Dollar ausgemacht haben – 4,9 Billionen an privaten Finanzströmen und 2,4 aus öffentlichen.

Andererseits sind lediglich 220 Milliarden aus öffentlichen und privaten Quellen für den Schutz oder die Revitalisierung der Natur ausgegeben worden – lediglich drei Prozent der Ausgaben für öffentliche Förderungen oder Anreize.

Zahlen

Die globale Wirtschaft ist von 1820 bis 2022 von 1,18 Billionen $ auf 130,11 Billionen gewachsen.

Seit 1992 ist durchschnittlich pro Kopf das produzierte Kapital um 100% gestiegen, während das natürliche Kapital um 40% verringert worden ist

Die globalen Finanzflüsse, die schädlich für Natur und Umwelt sind, haben 2023 7,3 Billionen $ ausgemacht; die zugunsten Schutz und Revitalisierung haben dagegen nur 220 Milliarden ausgemacht

Nur 1% der Firmen, die Berichte öffentlich legen, nehmen Bezug auf Nachhaltigkeit

60 % der von Indigenen bewohntem Gebiet sind durch Industrialisierung gefährdet

25 % der von Indigenen bewohntem Gebiet ist akut von Ausbeutung von Bodenschätzen gefährdet.
Die Finanz-Institutionen von mindestens acht Länder (inklusive der EU) haben untersucht, inwieweit sie von Biodiversität abhängig sind.
Bei den Berechnungen wurden der Wert des US-Dollars von 2011 herangezogen.

35:1

„7,3 Billionen gegenüber 220 Milliarden – das ist ein Verhältnis von 35 zu 1“, sagt Stephen Polasky, auch er ein Co-Chair. Man müsse kein Forscher sein, um das Missverhältnis erkennen zu können. „Der Verlust an Artenvielfalt ist die ernsthafteste Bedrohung der Wirtschaft.“ Denn damit sei auch die Basis gefährdet, die für ein nachhaltiges Wirtschaften notwendig ist: sauberes Wasser, saubere Luft, nachhaltige Rohstoffe. Business as usual ist auch deshalb keine sinnvolle Option, zumal es kumulierende Effekte gegen könne, wenn die Artenvielfalt bröckelt, die die Konsequenzen verschärfen. Polasky: „Business as usual ist nicht unvermeidbar, das zeigt unser Bericht deutlich.“

Er plädiert dafür, von unverbindlichen Versprechen von mehr Nachhaltigkeit abzugehen und anstatt dessen eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Roadmap zu entwickeln.

Das Rad müsse nicht erst erfunden werden, es gebe eine breite Palette von Daten und Methoden, wie die Abhängigkeit eines Unternehmens von der Natur festgestellt werden kann – ebenso wie die Intensität der Folgen für Natur und Umwelt durch Unternehmen.

„Alle sind gefordert“

Die Autorinnen und Autoren des Berichts stellen fest, dass es nicht die eine, zentrale Maßnahme gibt, die für alle Branchen anwendbar sei. In der Praxis werden häufig individuell angepasste Methoden und Zugänge nötig sein, um die Auswirkungen auf die Umwelt zu verringern.

Der Bericht streicht heraus, dass „alle Bereichen der Wirtschaft, inklusive der gesamten Finanzwirtschaft eine Verantwortlichkeit haben, Taten zu setzen.“

„Nicht nur Möglichkeit, sondern Notwendigkeit“

„Ein stärkeres Engagement für Natur und Biodiversität ist nicht nur eine Möglichkeit für die Wirtschaft, sondern eine Notwendigkeit“, sagt Ximenda Rueda, dritte Co-Chair dieses IPBES-Berichts. Vor Weichenstellungen zu mehr Nachhaltigkeit sei es oft so, dass das dazu nötige Wissen nur schwer zugänglich ist. Deshalb rät Rueda Wirtschaftstreibenden, auf Fakten der Wissenschaft und auf das Wissen Indigener zurückzugreifen. Sie seien die „Wächter der Biodiversität“ und verfügten über Wissen, das oft nicht schriftlich vorhanden ist. In der Wirtschaft gebe es oft Zurückhaltung gegenüber Indigenen und mangelnde Wertschätzung für ihr Wissen.

Rueda: „Natur ist Sache der gesamten Wirtschaft und der Schutz, die Revitalisierung und der nachhaltige Umgang mit der Biodiversität ist zentral für einen nachhaltigen Erfolg der Wirtschaft.“


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