Für UN-Generalsekretär Guterres steht fest, dass das 1,5 Grad-Klimaziel verfehlt wird. Er sieht die Regierungen gefordert – und die UN in einer Krise.
In einer Pressekonferenz zu Jahresbeginn hat UN-Generalsekretär António Guterres Ende Jänner klare und deutliche Worte zur derzeitigen Lage der Welt gefunden.
Guterres und die Physik
„Bevor ich in den öffentlichen Dienst gewechselt bin, habe ich mit Physik beschäftigt. Newton’s drittes Bewegungsgesetz sagt: Zu jeder Aktion gibt es eine gleich große, entgegengesetzte Reaktion. In der Physik ist dieses Gesetz ein stabilisierenden Prinzip.“
„In der heutigen Geopolitik wirkt es destabilisierend. Denn wir leben in einer Welt, in der Handlungen – insbesondere leichtsinnige – gefährliche Reaktionen hervorrufen. Und anders als in der Physik sind diese Reaktionen weder symmetrisch noch vorhersehbar. Sie werden durch geopolitische Spaltungen verstärkt und durch eine grassierende Straflosigkeit noch verschärft. Das Gesetz der Macht triumphiert über der Macht des Gesetzes.“
Inklusive Weltordnung
Zu Beginn seines letzten Amtsjahres bleibt Guterres allerdings auch optimistisch: „Es ist wichtig, die Multipolarität – eine vernetzte, von Grund auf inklusive Weltordnung, die durch Partnerschaften ein Gleichgewicht schaffen kann – bewusst und entschlossen voranzutreiben. Partnerschaften im Handel, in der Technologie und in der internationalen Zusammenarbeit. Doch Multipolarität allein garantiert weder Stabilität noch Frieden.“
Auch die Welt vor dem Ersten Weltkrieg sei eine multipolare Welt gewesen; allerdings hatte es damals einen Mangel an internationalen Institutionen gegeben, sodass Konflikt und Krieg die Folge gewesen seien.
„Overshoot an Ambition“
„Wir fordern die Stärkung der Kreditkapazität multilateraler Entwicklungsbanken und die Sicherstellung einer gerechten Teilhabe und eines echten Einflusses der Entwicklungsländer in globalen Finanzinstitutionen.“
Das will der UN-Generalsekretär auch für die Klima- und Biodiversitäts-Krise sehen. Es besteht für den UN-Diploimaten kein Zweifel mehr daran, dass die 1,5 Grad Grenze erreicht und überschritten werde. Dieser „Overshoot“, wie er im Klima-Jargon genannt wird, müsse wieder eingefangen werden, und zwar durch einen „Overshoot an Ambition“ – beginnend mit drastischen Emissionsreduktionen in diesem Jahrzehnt und einem gerechten, geordneten und fairen Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien. Der Klimawandel, der Stürme, Waldbrände, Hurrikans, Dürre und steigende Meeresspiegel verursacht, sei ein zerstörerische Beleg für Newtons Gesetze.
„Über das BIP hinauszugehen ist grundlegend für den Aufbau eines Wirtschaftssystems, das dem Wert beimisst, der wirklich zählt: dem menschlichen Wohlergehen – heute und in Zukunft.“
António Guterres
Guterres weiter: „Wir fordern deutlich mehr Unterstützung für Länder, die bereits mit der Klimakatastrophe konfrontiert sind, den Ausbau von Frühwarnsystemen und die Möglichkeit für Länder mit Vorkommen kritischer Mineralien, in globalen Wertschöpfungsketten aufzusteigen.“
In Interviews, die wenige Tage später veröffentlicht worden sind, herrschte eine andere Tonalität vor. In der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ hat Guterres davor gewarnt, dass die Vereinten Nationen sich in einer strukturellen Krise befänden, zumal mehrere Mitgliedsländer angekündigt haben, ihre Beiträge nicht mehr zahlen zu wollen. Insgesamt sieht er eine Tendenz mächtiger Staaten, Völkerrecht zu ignorieren. Dies untergrabe „die Glaubwürdigkeit des gesamten regelbasierten internationalen Systems“.
Im britischen Guardian wiederum kritisierte er das bedingungslose Festhalten am Brutto-National-Produkt (BIP). „Wir müssen der Umwelt einen echten Wert beimessen und das Bruttoinlandsprodukt nicht länger als Maßstab für menschlichen Fortschritt und Wohlstand betrachten. Vergessen wir nicht: Wenn wir einen Wald zerstören, schaffen wir BIP. Wenn wir überfischen, schaffen wir BNP.“

„Über das Bruttoinlandsprodukt hinauszugehen bedeutet, die Dinge zu messen, die für die Menschen und ihre Gemeinschaften wirklich wichtig sind. Das BIP zeigt uns die Kosten von allem, aber nicht den Wert von irgendetwas. Unsere Welt ist kein gigantischer Konzern. Finanzielle Entscheidungen sollten auf mehr als einer Momentaufnahme von Gewinn und Verlust basieren.“
Diese Statements sind nicht neu – bereits im Jänner hatte Guterres bei der Konferenz „Beyond GDP“, die von der UNCTAD (United Nations Trade and Development) ausgerichtet worden ist, erklärt: „Wir erleben täglich die Folgen unseres Versäumnisses, die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Dimensionen der Entwicklung in Einklang zu bringen. „Über das BIP hinauszugehen ist grundlegend für den Aufbau eines Wirtschaftssystems, das dem Wert beimisst, der wirklich zählt: dem menschlichen Wohlergehen – heute und in Zukunft.“
Mehr:












































































