Unwetter nicht da gewesenen Ausmaßes haben im Februar das Hinterland von Rio de Janeiro heimgesucht: Mehr als 70 Todesopfer sind zu beklagen. Ein Zusammenhang mit dem Klimawandel ist noch nicht bewiesen, aber wahrscheinlich.
Besonders betroffen war die Stadt Juiz de Fora, etwa 150 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro. In Juiz de Fora leben etwa 600.000 Menschen. Hier begann es am 22. Februar heftig zu regnen, der Niederschlag hat erst nach Tagen nachgelassen und schließlich aufgehört. In der Zeit dazwischen wurde der Boden gesättigt, sodass sie kein Wasser mehr aufnehmen konnten. Erdrutsche waren die Folge.
Schwund bei Arabica-Ernte
In ihnen kamen 65 Menschen ums Leben, in Ubá, einer Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern, starben durch das Unwetter sieben Personen; ein Bewohner der Stadt wird noch vermisst. Die Situation wurde in der Region noch einmal verschlimmert, als sie am 26. und 28. Februar von weiteren Stark-Regen heimgesucht wurden.
In der Region hat der Anbau von Arabica-Kaffee eine zentrale Bedeutung. Die Unwetter haben den Feldern stark zugesetzt, sodass mit Einbußen von 15 bis 20 Prozent zu rechnen sein wird. Das Extremwetter begünstigt außerdem, dass sich Schädlinge ausbreiten.
Von Menschen gemachte Katastrophe?
Ein Team von elf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Centre for Environmental Policy am Imperial College in London und des Klimazentrums des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds in Den Haag, Cape Town, Genf und Kolkata sowie des „Königlichen niederländischen Meteorologie-Institut in den Niederlanden haben den Ablauf der Ereignisse und die Daten im Detail analysiert.
Im Rahmen der Zusammenarbeit dieser Institute in der „World Weather Attribution“ (WWA) wurde insbesondere der Frage nachgegangen, inwieweit diese Extrem-Wetterereignisse dem menschlichen Einfluss auf das Klima – also der Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 1,3 Grad Celsius zuzuschreiben ist. Und ob überhaupt. Diese Arbeit richtet außerdem einen Fokus auf die sozialen Folgen von Extrem-Wetterlagen.
Acht Modelle wurden verworfen
Die Niederschlagsmenge hat in Juiz de Fora alle bisherigen Messungen übertroffen, und zwar bei weitem: Während in der ausgehenden Regenzeit im Februar mit Niederschlägen von 300 bis 350 Millimeter zu rechnen ist, wurden im Februar 2026 mehr als das Doppelte gemessen – 752 Millimeter.

Um das Klimawandel-Signal herauszuarbeiten, hat das WWA-Team zunächst die bestehenden historischen Messdaten analysiert. An den Start ging man zunächst mit 22 Modellen. Zumal die untersuchte Fläche vergleichsweise klein ist, mussten acht ausgeschieden werden. Bei den verbleibenden 14 Modellen wurden dann die 1,3 Grad herausgerechnet und mit den real gemessenen verglichen.
Bezogen auf das gesamte Gebiet, das untersucht worden ist, zeigten die Raster-Datensätze einen erhöhten Niederschlag, der sich alle zehn Jahre ereignet. Ein ganz anderes Bild zeigte sich allerdings bei Auswertung der einzigen Wetterstation, dass die Raster-Datensätze das Geschehen grob unterschätzt haben. Demnach wiederholt sich der Februar-Starkregen jedoch alle paar 100 Jahre. Bei der Beurteilung des menschlichen Einflusses zeigten die beiden Datensätze über den längsten Zeitraum keinen Trend, die beiden kurzzeitgsten jedoch einen Anstieg von 25 und 60 Prozent.
Kein Trend, aber…
Das Ergebnis der Untersuchungen: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann keine Aussage mit Sicherheit getroffen werden, dass in dieser kleinflächigen Region, die zudem ein Wettergeschehen mit äußerst hohen Variabilitäten kennzeichnet, Intensität und Häufigkeit des Niederschlags dem menschlichen Einfluss auf steigende Durchschnittstemperaturen zugerechnet werden kann.
Aber: Aus existierenden Studie und auch aus den IPCC-Abschätzungen ist abzuleiten, dass in Zukunft mit nennenswerten Zunahmen in der Höhe von 7% zu rechnen sein wird. Es ist also ein beginnender Trend erkennbar, der möglicherweise auch die kleinräumige Extrem-Wetterlage mit-verursacht hat, auch wenn dies größerräumig noch nicht zu erkennen ist.
Juiz de Fora ist unter den Top Ten
Als sehr unwahrscheinlich wird jedoch eingeschätzt, dass die Gefahr von Überschwemmungen und Vermurungen kleiner wird. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass sie größer werden.
Bezüglich Überschwemmungen und Vermurungen ist Juiz de Fora in besonderem Maße gefährdet: Das brasilianische Zentrum für Katastrophenwarnungen und -monitoring (CEMADEN) schätzt, dass etwa 130.000 Menschen in Gefahrenzonen leben. Deshalb ist diese Stadt – relativ zur Einwohnerzahl – unter den zehn gefährdetsten in Brasilien. Klassische Favelas gibt es dagegen kaum – lediglich drei Prozent der Bewohner wohnen in solchen Siedlungen.
Große, soziale Unterschiede
Die Gefahrenzonen entstehen, weil es eine ungeplante Erweiterung von Wohngebieten durch ärmere Zuwanderung gibt, nachdem die Gebiete entlang des Paraibuna-Flusses von mittelständischen und reicheren Einwohner besiedelt worden ist, später kamen Industrieviertel dazu. Die Distrikte Benfica, Vila Esperanca und Santa Cruz sind von Stark-Regenfällen besonders gefährdet. Das Extrem-Wetter hat auch grobe soziale Unterschiede aufgezeigt.

Friederike Otto (Centre for Environmental Policy, Imperial College): „Existierende soziale Unterschiede waren ausschlaggebend dafür, wer von den Folgen betroffen war und wie rasch Hilfe kam. Das trat zum Beispiel bei Notunterkünften zutage, In der Schule in Peneeras, einem Mittelklasse-Distrikt, bekamen keine Unwetter-Opfer zugeteilt, während die provisorische Unterkunft in Monte Castello, einer Wohngegend mit überwiegend armer Bevölkerung, rasch sehr voll war.“
„Warnungen sind unzureichend“
Die Notfall-Alarme hätten zwar schon funktioniert, aber sie wurden manchmal nicht verstanden, einige kamen nur bruchstückhaft an und andere wussten nicht, wo sie in einer solchen Situation hingehen sollten. „Warnungen allein sind also unzureichend“, so Otto.
Die Wissenschafterin nennt als notwendige Maßnahmen insbesondere
- Stabilisierung von Hanglagen
- Verbesserung des Abfluss-Managements
- Stabilisierung von Haus-Fundamenten
- Ausweiten der Frühwarn-Infrastruktur
- Katastrophenschutz-Trainings
- Ausweiten der Katastrophen-Soforthilfe
- Investitionen in Krankenhäuser und Gesundheitsversorgung
- Verbesserung von Wasser- und Strom-Versorgung
- Verbesserung der Verkehrs-Infrastruktur
Otto: „Diese Studie unterstreicht, was Wissenschafterinnen und Wissenschafter immer, und immer wieder sagen – es ist von vitaler Bedeutung, dass wir darum kämpfen, jeden Bruchteil eines Grades an zusätzlicher Erwärmung zu vermeiden. Jedes Jahr an Verzögerung kostet Leben und zerstört Lebensgrundlagen.“
Weitere Kommentare der Wissenschafterinnen und Wissenschafter: „Die Ergebnisse unserer Arbeit sind ein Warnruf“, sagt Ben Clarke (Centre for Environmental Policy, Imperial College). „Auch wenn im konkreten Fall der Nachweis zum Klimawandel nicht geführt werden kann: Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass Stark-Regenfälle zunehmen werden, wenn die Temperaturen weiter steigen. Wir müssen uns stärker anstrengen, um die Treibhausgas-Emissionen zu verringern.“
„Klimaänderung treibt Preise hoch“
Regina R. Rodrigues, Professorin der brasilanischen Bundes-Universität von Santa Catarina, Florianopolis: „Das Ausmaß dieser Tragödie ist enorm und zeigt, wie verwundbar die Menschen sind, deren Häuser auf Hügeln stehen. Minas Gerais ist das Herz der Kaffee-Produktion. Die Unwetter zeigen, wie die Klimaänderung die Preise hochtreibt und die Versorgung mit Produkten durcheinander bringt, an die sich die ganze Welt gewöhnt hat.“
Pedro Camarinha, stellvertretender Direktor des Nationalen Zentrum für Monitoring und Frühwarnung von Naturkatastrophen, CEMADEN: „Wenn Raumplanung, Maßnahmen zur Risiko-Vermeidung und der Schutz exponierter Siedlungen ungenügend sind, sind Frühwarn-Systeme ausschlaggebend. Ihr Wirkungsgrad hängt davon ab, wie gut sie vermittelt werden. Frühwarnsysteme müssen deshalb ständig weiterentwickelt werden. Das Risiko-Bewusstsein muss geschärft werden.“












































































