Die Uhr tickt. Ab nächster Woche leben wir auf Pump. Anlass genug, Kreislaufwirtschaft zu konkretisieren und zu vertiefen. Die Akzeptanz besteht – in der Politik nur teilweise, in der Bevölkerung noch eher. Klar ist: Kreislaufwirtschaft ist keine Sonnenschein-Aktivität, sondern Gebot der Stunde.
Am 2. April ist Schluss, jedenfalls in Österreich. Dann sind alle Biokapazitäten ausgeschöpft, ab dann leben alle in der Alpenrepublik Lebenden auf Pump – an diesem Tag ist der Verbrauch von Ressourcen erschöpft. Nur 15 Länder verbrauchen noch mehr Rohstoffe in nur wenigen Wochen.
Deutschland lässt sich dafür deutlich mehr Zeit: Ab 8. Mai wird mehr verbraucht als bei gleichmäßig gerechter Verteilung zustände. In der Schweiz endet die Nachhaltigkeit am 10. Mai. Wenn die gesamte Erdbevölkerung so viel vebrauchte wie Österreich, dann wären dafür (rechnerisch) vier Erden nötig; Deutschland begnügt sich mit 2,9 und die Schweiz mit 2,8 Erden.
Reparieren, Pfand, Sharing
Gegenüber den Vorjahren gibt es nur Teil-Erfolge. So existieren zwar in allen deutschsprachigen Ländern Kreislaufwirtschafts-Strategien, aber es fehlen über weite Strecken die konsequenten Maßnahmen.
Reparaturbonus, Pfandsystem und Sharing-Modelle – diese Ansätze einer Kreislaufwirtschaft funktionieren in Österreich, mangeln aber einer Abstützung durch ein Gesetz. Ein solches hat nun das Ökobüro im Auftrag der Umweltorganisation Global 2000 und mit Unterstützung der Arbeiterkammer Wien entworfen.
Anna Leitner, Sprecherin für Ressourcen bei Global 2000: „Mit unserem Gesetzesentwurf gehen wir nun in Vorlage. Ein Gesetz schafft klare Zuständigkeiten, damit wir unseren Ressourcenverbrauch auch wirklich senken. Mit einem Gesetz können wir die Verschwendung von Ressourcen beenden, die Müllflut stoppen und unser Klima wieder in den Griff bekommen. Es ist völlig klar, dass wir so nicht weitermachen können.”
Kreislaufwirtschaft ist mehr als Recycling
In diesem Mediengespräch von „Diskurs. Das Wissenschaftsnetz“ und Global 2000 wurden am Mittwoch auch zwei aktuelle wissenschaftliche Studien zu den konkreten Potenzialen der Kreislaufwirtschaft präsentiert und ein Vorschlag für ein Kreislaufwirtschaftsgesetz vorgestellt.
Dominik Wiedenhofer, Forscher am Department für Wirtschaft und Sozialwissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien, hat mit Kolleginnen und Kollegen 76 Studien ausgewertet: „Kreislaufmaßnahmen allein senken Treibhausgasemissionen im Durchschnitt um 17 Prozent. Im Zusammenspiel mit Energieeffizienz und einer klimaneutralen Energieversorgung steigt das Potenzial auf rund 50 Prozent.“ Wichtig sei außerdem, dass „Kreislaufwirtschaft mehr ist als Recycling. Sie reicht von der Vermeidung unnötiger Produkte bis hin zu neuen Nutzungsmodellen.“
In einer weiteren Studie, die der Soziökonom Lukas Richter (Universität für angewandte Wissenschaften in St. Pölten, Universität Wien) und der unabhängige Wissenschafter Mohammed Qasim Khattab durchgeführt haben, zweigt sich, dass Menschen, deren finanzieller Spielraum enger ist, eher zu Reparaturen und Second-Hand-Produkten greifen.
Reparaturen zu teuer
Richter: „Sie stoßen aber dort an Grenzen, wo Ersatzteile fehlen oder Reparaturen zu teuer sind.“ Die beiden Autoren der Arbeit haben 1.000 Personen befragt. Interessant ist, dass unter den Umweltbewegten keine ausgesprochen hohe Bereitschaft für Second Hand auszumachen war – jedenfalls in der Studie nicht. Hier gehe deutlich eine Schere auf.
Einer der Autoren des Gesetzes-Entwurfs ist Daniel Ennöckl, Leiter des Instituts für Rechtswissenschaften an der Boku. „Das Gesetz verankert Wiederverwendung in wichtigen Bereichen wie Bildung, öffentlicher Beschaffung und in allen Bereichen der Wirtschaft. Es bietet Anreize dafür, dass Produkte länger genutzt werden, Reparatur für alle Menschen zugänglich wird und neue nachhaltige Jobs entstehen,“ so Ennöckl. Ein wirksames Kreislaufwirtschaftsgesetz setze entlang des gesamten Produktlebenszyklus an:
- Produkte so gestalten, dass sie langlebig, reparierbar und zerlegbar sind
- Bestehende Gebäude nutzen und sanieren statt neu zu bauen
- Geschäftsmodelle begrenzen, die auf schnellen Verschleiß setzen
- Problematische und fossile Stoffe schrittweise ersetzen
- Öffentliche Mittel gezielt für nachhaltige Lösungen einsetzen
100 Milliarden Tonnen Material
Der deutsche Bundes-Umweltminister Carsten Schneider (SPD) hat in seiner Rede beim Circular Valley Convention vor knapp zwei Wochen in Düsseldorf herausgestrichen, dass „mehr als 100 Milliarden Tonnen Material“ von der Weltwirtschaft „verschlungen“ werde. „100 Milliarden Tonnen zum Bauen, Heizen, für Klamotten und Spielzeug. 100 Milliarden Tonnen, die aufwändig aus dem Boden geholt werden müssen, und hinterher oft nicht weniger aufwändig entsorgt.“
Neu sei heute, dass „darüber inzwischen auch auf Veranstaltungen wie der Münchner Sicherheitskonferenz diskutiert wird. Kreislaufwirtschaft wird immer häufiger auch als strategisches Wirtschaftsthema gesehen.“
„Kreislauf bedeutet Sicherheitspolitik“
„Jeder Rohstoff, der bei uns eingespart oder wiederverwendet wird, muss nicht teuer im Ausland eingekauft werden. Das gilt für seltene Erden aus Smartphones, Edelmetalle aus Elektrogeräten oder Chemikalien. Rohstoffe sind zu Machtfaktoren geworden.“
„Neben der Diversifizierung unserer Rohstoffversorgung ist die Kreislaufwirtschaft deshalb ein zentrales Element unserer Resilienz und Sicherheit. Kreislaufwirtschaft ist eine zentrale Antwort auf die Krisen unserer Zeit. Sie ist Standortpolitik, Innovationspolitik, Industriepolitik und Sicherheitspolitik zugleich. Schneider kündigt eine konzertierte Aktion an, um die nationale Kreislaufwirtschafts-Strategie in die Praxis umzusetzen.

Die ist notwendig: Das hat schon ein Bericht des Europäischen Rechnungshofes in aller Deutlichkeit dargestellt. Angesichts zweier Aktionspläne, die die EU 2014 und 2020 mit einem verfügbaren Volumen von zehn Milliarden Euro gestartet hatte, haben die Prüfer recherchiert, was sich real geändert habe. Das Resumée ist mehr als eindeutig: „Insgesamt stellte der Hof fest, dass es nur wenige Nachweise dafür gab, dass sich die Aktionspläne für die Kreislaufwirtschaft, insbesondere die Maßnahmen zur kreislauforientierten Gestaltung von Produkten und Herstellungsverfahren, auf die Aktivitäten in den Mitgliedstaaten im Bereich der Kreislaufwirtschaft ausgewirkt hatten.“
Statt in Innovation ging Geld in Abfallwirtschaft
Die zehn Milliarden seien zwar ausgegeben worden, aber nicht für die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft, sondern überwiegend für die Abfallbewirtschaftung. „Insbesondere fehlten spezifische Indikatoren im Bereich des kreislauforientierten Designs von Produkten. Der Hof fand nur wenige Nachweise für die Wirksamkeit der im Aktionsplan vorgesehenen unterstützenden Maßnahmen.“
Vor allem das zentrale Thema sei nicht angegangen worden: „Die Umweltauswirkungen eines Produkts werden zu etwa 80 % durch seine Gestaltung bestimmt.“ Geschehen sei hier sehr wenig, obwohl „Seit mehr als einem Jahrzehnt die Verbesserung der Ressourceneffizienz auf der politischen Agenda der EU steht.“ Über weite Strecken gilt wohl der Satz nach wie vor, mit dem der Rechnungshof die Zusammenfassung des Berichts eingeleitet hat: „Traditionell neigen Volkswirtschaften dazu, einem linearen Zyklus aus Nehmen, Herstellen und Wegwerfen zu folgen.“
Mehr:
- web-link The Circular Economy and Climate Change: The State of National and Global Evidence on Mitigation Potential
- web-link Circular economy and ecologically sustainable behaviour in the light of financial constraints: quantitative results from Austria
- web-link Entwurf des Kreislaufwirtschaftsgesetzes
- web-link Policy Paper „Kreislaufschließung in der Textilwirtschaft: Wertschöpfung im Land Brandenburg“ (Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung, Beneficial Design Institute und Die Matterr GmbH):
- web-link Bericht des EU-Rechnungshofs (Juli 2023): Kreislaufwirtschaft – Langsame Umsetzung in den Mitgliedstaaten trotz EU-Maßnahmen






































































