„Nationalpark, aber richtig“: So lässt sich der Vorstoß von zehn Organisationen und Einzelpersonen umschreiben, die für einen Nationalpark Kamptal eintreten.
Vor zwei Jahren haben niederösterreichische VP-Politiker einen unerwarteten Schritt gesetzt: Sie organisierten eine Wanderung, ließen sich photographieren und forderten einen Nationalpark Kamptal. Der Schritt kam überraschend, weil die sechs bestehenden Nationalparks nicht von der Politik initiiert worden sind, sondern von Umweltorganisationen, gestärkt von (je nach Projekt) sehr vielen oder dann doch weniger Unterstützenden in den betroffenen Regionen. Und nicht zuletzt deshalb hat die Realisierung der Schutzgebiete oft auch Jahrzehnte gedauert (etwa in den Donauauen oder in den Hohen Tauern).
Startfinanzierung gesichert
Im Kamptal ist das Setting jetzt anders: Seitens der Politik gibt es schon in der ersten Phase ein grundsätzliches „Go“. Der Start scheint auch deshalb einfacher, weil die seinerzeitige Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) eine Start-Finanzierung von sieben Millionen Euro zugesichert hatte (aus dem Biodiversitäts-Fonds)
Allerdings, die Unterschiede zeigen sich im Detail. Denn die Politik-Version des siebten Nationalparks will mit einer Mini-Version an den Start gehen – etwa 3000 Hektar, weniger als ein Zehntel sind für eine Kernzone geeignet. Die Welt-Naturschutzorganisation IUCN fordert für die internationale Anerkennung eines Nationalparks der Kategorie II eine nicht bewirtschafteten Bereich von drei Viertel der Nationalpark-Fläche.
Vor diesem Hintergrund hat sich am Dienstag eine Plattform vorgestellt, die von zehn Einzelpersonen bzw. Organisationen getragen wird.
- Karin Enzenhofer, WWF
- Clemens Feigel, Initiative „Lebendiger Kamp“, Initiator „Eremitage am Kamp“
- Werner Gamerith, Autor, Fotograf, Initiative „Lebendiger Kamp“, Arge Wildtiere
- Margit Gross, Naturschutzbund NÖ
- Bernhard Kohler, WWF und Arge Wildtiere (Forum Wissenschaft & Umwelt)
- Erhard Kraus, Forschungsgemeinschaft LANIUS und Arge Wildtiere (Forum Wissenschaft & Umwelt)
- Christof Kuhn, BirdLife Österreich
- Mag. Dominik Linhard, GLOBAL 2000
- Matthias Schickhofer, Plattform-Koordinator sowie Publizist / Fotograf, Urwaldschützer und Strategieberater
- Thomas Wrbka, Präsident Naturschutzbund Österreich, Universität Wien
Ihr Ziel ist es, in enger Kooperation mit dem Land Niederösterreich den Nationalpark Realität werden zu lassen – allerdings auf weitaus größerer Fläche.

Mittleres Kamptal (c) Matthias Schickhofer
Die Plattform hat dazu eine Studie beim Kärntner „Institut für Ökologie“ in Auftrag gegeben, um diesen Teil des Waldviertels auf seine Nationalpark-Tauglichkeit hin zu untersuchen. Es wurden dabei ein Gebiet von 70.000 Hektar unter die Lupe genommen. Ergebnis: „Das Kamp- und Kremstal weist ein außergewöhnlich hohes Potenzial für ein großräumiges Schutzgebiet auf.“ Konkret wurden „drei Cluster potenzieller Naturzonen identifiziert: die Region Kamptal-Stauseen, das Mittlere Kamptal und das Kremstal bei Senftenberg. Diese Gebiete weisen hohe ökologische Wertigkeit“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie.
Biosphärenpark „größer gedacht“
Damit könne eine langfristige Entwicklung gestartet werden, zudem könne es mit einem größer gedachten „Biosphärenpark Waldviertel“ zu Synergien und Impulsen für die gesamte Region kommen. Moore, Teiche, artenreiche Kulturlandschaften könnten dadurch gesichert werden.“
Die Zeit zur Umsetzung wird mit einer bis 2030 reichenden Zeittangente angegeben, vorausgesetzt dass die entsprechenden Gespräche mit den Grundeigentümern demnächst beginnen.
Matthias Schickhofer, der die Plattform koordiniert, seit Jahrzehnten mit Umweltorganisationen zusammenarbeit und über eine ausgeprägte Expertise verfügt, streicht die besondere Eignung des Gebiets heraus: „ Der Großteil der Wälder in diesem Gebiet lässt sich den Mullbraunerde-Buchenwäldern sowie den Labkraut-Eichen-Hainbuchenwäldern zuordnen. Buchenwälder finden sich vor allem auf Standorten mit guter Wasser-und Nährstoffversorgung.“
Wildnisnahe Beweidung
Einer der bedeutendsten Naturwaldreste des Kamptals ist der Dobra-Urwald. Er umfasst 12,3 Hektar und wird vor allem durch einen Braunerde-Buchenwald geprägt, der stellenweise vom Block-Lindenwald ergänzt wird. Das Gebiet steht seit 1910 als Naturwaldreservat unter Schutz, wodurch keine direkten menschlichen Eingriffe erfolgt sind.
Deshalb sagt Karin Enzenhofer (World Wide Fund for Nature, WWF): „Um die IUCN-Anerkennung auch im Kamptal sicherzustellen, sollten alle hochwertigen Naturflächen, vor allem die Naturwälder, mit einbezogen werden.” Bernhard Kohler (AG Wildtiere des Forums Wissenschaft & Umwelt) schlägt für eine erfolgreiche Renaturierung degradierter Forstflächen eine wildnisnahe Beweidung vor, etwa nördlich des Kamp und angrenzend an den Truppenübungsplatz. “Die großen Weidetiere könnten ein dynamisches Wechselspiel aus Wald und offenen Flächen schaffen, wie es einst prägend für die Waldviertler Landschaft war.”

Mittleres Kamptal (c) Matthias Schickhofer
Margit Gross (Naturschutzbund Niederösterreich) : „Die freiwillige Bereitschaft der Grundbesitzenden ist für die Realisierung eines Nationalparks unumgänglich, ebenso faire Abgeltungen für den Nutzungsentgang. Ein Nationalpark würde nicht nur die Schönheit und die Naturjuwele dieser Landschaften sichern, sondern auch starke Impulse für die regionale Wirtschaftsentwicklung, wie den Tourismus im Waldviertel bringen. Wir hoffen sehr, dass es gelingt, einen Schulterschluss für dieses wichtige Vorhaben zustande zu bringen.“
Und Dominik Linhard (Global 2000): „Urwaldartige Wälder sind in Österreich bereits nahezu verschwunden. Dass wir im Bereich des Mittleren Kamptals noch so ökologisch hochwertige und imposante Wälder haben, ist auch den Grundbesitzenden zu verdanken, die diese Wälder bis heute bewahrt haben.“
„Grundbesitzer fair entschädigen!
„Naturwälder sind auch für uns Menschen von großem Wert. Hinsichtlich essenzieller Ökosystemleistungen wie Wasser- und Kohlenstoffspeicherung, Luftreinigung, Artenschutz oder optimal angepasste Genetik leisten sie mehr als Forste. Ein Nationalpark wäre eine große Chance, um sowohl das Naturerbe zu bewahren als auch die Grundbesitzenden für den Erhalt dieser Wälder fair zu entschädigen.“
Und Matthias Schickhofer meint: „Ein Nationalpark ist auch ein Prädikat für die Hochwertigkeit einer Landschaft und bietet eine Marke, die für die regionale Wirtschaft Wertschöpfung bringt. Etwa durch Natur-Wandertourismus oder durch Branding von Produkten aus der Nationalparkregion. Für das Waldviertel wäre der Nationalpark ein neues ‚Narrativ’ und eine Imageaufwertung.“
Österreich und seine sechs bestehenden Nationalparks sind eine Geschichte für sich.
| Nationalpark | Fläche (Hektar) | Offizieller Beschluss |
|---|---|---|
| Hohe Tauern | 185.800 | 1981 (Kärnten), 1983 (Salzburg), 1992 (Tirol) |
| Kalkalpen | 20.800 | 1997 |
| Gesäuse | 11.000 | 2002 |
| Neusiedler See | 9.700 | 1993 |
| Donau-Auen | 9.300 | 1996 |
| Thayatal | 1.300 | 2000 |
Die Nationalparks Neusiedler See und Thayatal sind grenzüberschreitend (zu Ungarn bzw. zur tschechischen Republik). Von der IUCN nach Kategorie I a und I b ist das Wildnisgebiet Rothwald im niederösterreichisch-steirischen Grenzgebiet anerkannt. Im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal befindet sich der Rothwald, Österreichs einziger Urwald. Der Baumbestand im Kamptal kommt dem Rothwald recht nahe.
Österreichs Politik war bisher bei der Schaffung von Nationalparks zurückhaltend. Deshalb haben sich 40 Jahre später, im Dezember 2024, Organisationen von damals erneut zu Wort gemeldet – lautstark. Sie haben eine „Hainburger Erklärung“ verfasst, unter anderem getragen von Günter Schobesberger, Wolfgang Rehm, Doris Holler-Brucker, den Wegbereiter der österreichischen Ökologiebewegung Bernd Lötsch und Gerhard Heilingbrunner, 1984 einer der Organisatoren der Au.Besetzung 1984 und Ehrenpräsident des Umweltdachverbands (damals noch „ÖGNU, Österreichische Gesellschaft für Natur- und Umweltschutz“). In der Hainburger Erklärung werden insgesamt sechs weitere Nationalparks gefordert.
- Nationalpark Innerösterreich“ im Sensen- und Toten Gebirge (angrenzend an das Gesäuse und Kalkalpen)
- Nationalpark Marchauen
- Kalk-Hochalpen
- Böhmerwald
- Waldviertel, insbesondere im Kamptal
Nun denn, zumindest bei letzterem scheint Bewegung in die Sache zu kommen.
Mehr:
- web-link https://nationalpark-kamptal.at/












































































