In Paris geht ein „Atomgipfel“ über die Bühne und die EU dreht den Geldhahn auf. EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen will der Atomkraft auf die Sprünge helfen. Der Atom-Ausstieg sei „ein strategischer Fehler gewesen“, sagt sie.
Der diesjährige 10. März hat vor etwas mehr als zwei Jahren begonnen. Auf der Klimakonferenz in Dubai (COP28) haben sich im Dezember 2023 25 Delegationen zu Wort gemeldet und die Verdreifachung der Stromproduktion aus Nuklearindustrie gefordert, nicht mehr und nicht weniger. Außerdem stand (und steht) ganz oben auf der Agenda die Ausdrücklichkeit, mit der die Behauptung aufgestellt wird, dass Atomkraft eine saubere Energieform sei.
Nacht-und-Nebel-Aktion zu Silvester
Damit knüpfen die Unterstützer-Länder an die Taxonomie-Entscheidung der EU an, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in der Silvesternacht 2021/22 einen Entwurf eben dieses Inhalts zur Begutachtung ausgeschickt hatte, der dann wenig später von der EU auch beschlossen worden ist (Zu ergänzen ist, dass Österreich dies nach wie vor versucht, rechtlich zu bekämpfen).
Die Nuklear-Allianz von Dubai…
Armenien
Bulgarien
Finnland
Frankreich
Ghana
Großbritannien
Jamaica
Japan
Kanada
Korea
Kroatien
Marokko
Moldawien
Mongolei
Niederlande
Polen
Rumänien
Schweden
Slowakei
Slowenien
Tschechische Republik
Ungarn
Ukraine
Vereinigte Arabische Emirate
Vereinigte Staaten
…hatte dann im März 2024 in Paris einen Konferenz-Probelauf, in dem grosso modo die Dubai-Erklärung wiederholt und mit dem Verlangen nach finanzieller Unterstützung verbunden wurde.
Und damit sind wir wieder in der Gegenwart. Auf der nunmehrigen Konferenz in Paris wurde vor allem der Wunsch nach finanzieller Unterstützung jedweder Art stärker betont (links zu den beiden Schlussdokumenten weiter unten). Die Allianz von Dubai hat einige Abgänge zu verzeichnen
- Ghana
- Jamaica
- Moldawien
- Vereinigte Arabische Emirate
- Vereinigte Staaten
und einige Zugänge
- Belgien
- China
- Demokratische Republik Kongo
- Estland
- Griechenland
- Italien
- Jordanien
- Kasachstan
- Litauen
- Pakistan
- Ruanda
- Serbien
- Türkei
- Vietnam
Der Atom-Vorstoß wird nun von 34 Staaten unterstützt. Die allermeisten von ihnen haben bereits Atomkraftwerke am Stromnetz, geplant oder außer Nutzung (mit Plänen für Neubauten).
Von der Leyen: „Ausstieg war strategischer Fehler“
Die Atom-Petenten wurden rasch erhört, die Rückendeckung lässt nicht lange auf sich warten: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnet es als „einen strategischen Fehler“, aus der Atomkraft ausgestiegen zu sein. Von der Leyen kündigt 200 Millionen Euro für die Nuklearbranche an und erklärt, dass dabei der Fokus auf SMR gerichtet werde – Small Modular Reactors.
In einem Statement der EU vom Dienstag heißt es, dass in den nächsten drei Jahren in „enger Partnerschaft mit der Europäischen Investment-Bank“ 75 Milliarden Euro für den Wechsel zu sauberen Energieformen investiert werden. Für die Umsetzung der Strategie für Small Modular Reactors würden „Aktionen gesetzt“, die den Mitgliedsstaaten ermöglichen, in den frühen 2030er Jahren die Fertigstellung der SMR zu ermöglichen.
Die Kommission werde außerdem zusätzliche 200 Millionen Euro „InvestEU top-up erwägen“, bis 2028 aus dem Innovations-Fonds, um innovative nukleare Technologien durch risikoverringernde Garantien zu unterstützen. Soweit die EU.
SMR auf dem Prüfstand
Unter der Koordination von Reinhold Christian, Präsident des Forums Wissenschaft und Umwelt in Österreich, haben Expertinnen und Experten SMR und die Argumente der Atomindustrie auf den Prüfstand gestellt. Die Studie stammt aus dem Jahr 2021, allerdings sind die Argumente der nuklearen Pressure Group ebenfalls nicht jüngeren Datums.
Zunächst einmal: Es gibt keine globale, einheitlich geltende Definition der SMR. Als gemeinsamen Nenner ließe sich am ehesten die Abgrenzung der Atomenergieagentur heranziehen. Die IAEA beschreibt SMR als Anlagen, deren elektrische Leistung 300 MW und thermische Leistung 1000 MW nicht übersteigt.
Der Reiz des SMR-Konzepts ist für Befürworter die Annahme, dass die einzelnen Komponenten eine General-Genehmigung bekommen und dann schneller verbaut werden können. Dadurch, dass kleinere Reaktoren auch kleinere und weniger Brennstäbe brauchen, sei das Risiko geringer, zumal die Unfallfolgen eine geringere Ausdehnung haben. Soweit diese Theorie.
Der Beweis steht noch aus
In den 1960er Jahren lagen die Atomkraftwerke in ihrer Leistung noch in der Nähe der jetzt diskutierten SMR-Dimensionen, haben sich aber weg hin zu Anlagen mit höherer Kapazität entwickelt – aus wirtschaftlichen Gründen. Dass SMR die billigere Version ist – diesen Beweis sind Entwickler und Betreiber von Atomkraftwerken bisher schuldig geblieben. Ganz abgesehen von Leid, Schäden und Kosten, die entstehen können, wenn es zu einem schweren Unfall in einem AKW kommt.
In der Klimakrise wird immer wieder das Argument angeführt, dass AKW eine CO2-freie Energieform sei. Allerdings werden dabei die Zeit vor dem Betrieb und die Zeit danach ausgeklammert. Es geht um
- Abbau
- Umwandlung
- Anreicherung
- Herstellung der Brennelemente
- Kraftwerksbau
- Zwischenlager
- eventuell Wiederaufbereitung
- eventuell Umwandlung
- Dekommissionierung
- Zwischenlager
- Endlager
Dies sind Schritte der Produktionskette von Atomstrom, die häufig auf der Strecke bleiben, wenn die CO2-Freiheit behauptet wird.
Entscheidend beeinflusst wird die CO2-Bilanz in der Uran-Gewinnung durch den Erzgehalt; je geringer, umso mehr CO2 fällt an. Zu bedenken ist auch, dass Uran-Abbau oft in Gebieten stattfindet, in denen First Nations leben, die an den Folgen des Abbaus leiden (etwa die Aborigines in Australien).
95% des Urans in 15 Ländern
Last but not least ist auf das Argument einzugehen, die Atomkraftwerke machten unabhängig von Energieimporten. Das Gegenteil ist der Fall, das zeigen die derzeit heftig geführten Debatten von Uran- und Brennstäben aus Russland und Kasachstan nach Westeuropa und die Vereinigten Staaten. Einer der Gründe, warum Rusland in punkto Sanktionen mit Glacéhandschugen angegriffen wird.
95% der Uran-Vorkommen sind auf 15 Länder verteilt. Russland, Kasachstan und Usbekistan sind Hotspots der Uranförderung, die ungefähr ein Viertel bis ein Drittel des Urans produzieren bzw. verkaufen. In dieser Rechnung nicht berücksichtigt sind Uran-Minen, die der russische staatsnahe Konzern Rosatom in anderen Ländern unter Vertrag hat.
Schließlich ist auch der Faktor Zeit zu berücksichtigen. Die EU möchte, dass die ersten europäischen SMR in den frühen 2030er Jahren in Betrieb gehen. Für die Klimapolitik kommt das ein bisschen spät, wenn nicht zu spät. Denn um die Treibhausgas-Emissionen so zu verringern, dass Minus 90 Prozent bis 2040 und eine Netto-Null bis 2050 erreicht werden können, erfordert die Weichen zu Erneuerbaren Energien jetzt zu stellen, nicht erst in zehn Jahren. Dazu kommt noch, dass aufgrund der derzeitigen Emissionsmengen ein „Overshoot“ unvermeidlich ist – das Überschreiten der 1,5 Grad-Grenze. Auch das erhöht den Handlungsdruck.
„Noch immer am staatlichen Tropf“
In der Debatte um den Energie-Switch in den nächsten Jahren wird Deutschland eine Schlüsselrolle zukommen. Während die CDU mit einem Wieder-Einstieg in die Atomkraft liebäugelt, meint Carsten Schneider (SPD) in seiner Funktion als Minister für Umwelt, Klima und nukleare Sicherheit: „Es spricht Bände, dass der Kern dieser rückwärtsgewandten Strategie aus neuen Subventionen für Atomkraftwerke besteht. Wenn eine Risiko-Technologie nach einem dreiviertel Jahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, sollte man daraus Konsequenzen ziehen. Stattdessen noch mehr Steuergeld für neue Risikoreaktoren auszugeben, lehne ich ab.
Um nennenswert neue Reaktoren zu errichten, müsste sehr viel Geld in die Hand genommen werden, das dann anderer Stelle fehlen würde.“
Und weiter: „Dazu kommt: Diese kleinen Atomkraftwerke werden schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen. Auch wenn die Anlagen kleiner werden, werden die Probleme in der Summe größer. Sauberer, ungefährlicher Strom aus Wind und Sonne ist günstiger, treibt längst die Energiewende an und produziert keinen strahlenden Müll.“
Mehr:
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new330-link Fukushima-GAU: Die neue Definition einer Abkürzung
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news330-link Kommentar: Falschabbieger
- web-link Dezember 2023, COP 28 Declaration to Triple Nuclear Energy
- und web-link zur Site des US-Energieministeriums
- web-link Konferenz in Paris, 4.3.2024
- web-link Statement on nuclear Financing, 10.3.2026
- web-link Deklaration vom 10.3.2026 „Safe and Affordable Nuclear Energy for All„
- web-link EU-Communication, 10.3.2026 Strategy for the development and deployment of SMRs in Europe












































































