Erdgas enthält krebserregendes Benzol

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US-Forscher haben in europäischen Großstädten nach Benzol gesucht – und sind in allen Proben fündig geworden. Benzol steht im Verdacht, krebserregend zu sein.

Großbritannien, Niederlande und Italien: In diesen drei Ländern haben Forscherinnen und Forscher von PSE Health Eneregy und der Standford Doerr School of Sustainability insgesamt 72 Proben von Erdgas untersucht. Die Annahmen haben sich in allen Fällen bewahrheitet: In allen 72 Proben wurde Benzol nachgewiesen.

Außerdem: Unter der (wahrscheinlichen) Annahme, dass winzige undichte Stellen im Gasnetz häufig vorkommen, „werden gefährliche Lecks wahrscheinlich unterbewertet“. Aufgrund von Modellrechnungen, in welche die Ergebnisse der aktuell vorliegenden Studie eingeflossen sind, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die zulässigen Grenzwerte überschritten werden.

Benzol – kein Grenzwert

Erschwerend kommt hinzu, dass durch die Geruchsneutralisierung die Belastung oft nicht erkannt wird. Die Studie der beiden Forschungs-Institute werden am Mittwoch in der Fachzeitschrift „Environmental Research Letters“ veröffentlicht. Die Forschungsarbeiten wurden von der European Climate Foundation und dem Wellcome Trust finanziert.

Benzol kommt natürlich sowohl in Öl- als auch in Gasfeldern vor. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Benzol nicht als Substanz gelistet, die einen Grenzwert definiert, bis zu dem eine Exposition als unbedenklich eingestuft werden kann. In der EU gelten derzeit 5 µg/m³, ab 2030 dann 3,4 µg/m³ als Richtwert für den Jahresmittelwert. In der Schweiz ist diese Situation nicht anders.

Stark giftig und krebserregend

In der Zusammenfassung der gesundheitlichen Folgen einer Aufnahme von Benzol heißt es in einer Zusammenstellung des deutschen Umweltbundesamts: „Benzol wird über die Atemwege aufgenommen, gelangt in die Lunge und von dort ins Blut, das es im ganzen Körper verteilt. Besonders im Knochenmark kann Benzol Schäden verursachen, indem es die Produktion roter und weißer Blutkörperchen sowie von Blutplättchen beeinträchtigt. Das kann zu Blutarmut, geschwächtem Immunsystem und erhöhter Blutungsneigung führen.“

„Im Körper wird Benzol zudem in verschiedene Zwischenprodukte umgewandelt, die stark giftig und krebserregend sind. Sehr hohe kurzfristige Belastungen können zu Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Müdigkeit und Reizungen der Atemwege führen. Langfristig erhöht eine wiederholte oder dauerhafte Belastung mit Benzol das Risiko, an Leukämie und anderen Formen von Blutkrebs zu erkranken.“

Niederlande 66,5-mal höhere Konzentration

Die Gasproben aus Großbritannien enthalten durchschnittlich 37-mal mehr Benzol als gängiges nordamerikanisches Gas, während niederländische Proben 66,5-mal mehr aufwiesen. In London wurde eine durchschnittlich 64-mal höhere Benzol-Konzentration als in Amsterdam, und dort eine 73-mal höhere Konzentration als im nordamerikanischem Gas gemessen, während Mailand, die einzige untersuchte italienische Stadt, 8,5-mal mehr Benzol enthält.

Zudem wurden in etwa 40% der Räume, in denen die Benzol-Konzentration gemessen wurde, Gaslecks entdeckt. In einer konservativen Berechnung wurde schließlich festgestellt, dass in 9 % der besuchten Haushalte in Großbritannien, den Niederlanden und Italien Leckagen auftraten, die groß genug waren, um den britischen und EU-Grenzwert für Benzol zu überschreiten.

„Benzol ausgesetzt, ohne es zu wissen“

Tamara Sparks, Luftqualitätswissenschaftlerin bei PSE und Hauptautorin der Studie: „Wir waren überrascht, wie hoch die Benzolwerte im Vergleich zu unseren früheren Studien waren. Angesichts dieser hohen Konzentrationen sind wahrscheinlich viele Menschen chronisch Benzol ausgesetzt, ohne es zu wissen.“

„Wir wissen noch nicht genau, warum Gaslecks in manchen Haushalten auftreten und in anderen nicht. Dadurch wird die Benzolgefahr im Grunde zu einem Glücksspiel. Bislang wurde dieses Problem von der Öffentlichkeit kaum beachtet, aber wir hoffen, dass durch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit Maßnahmen ergriffen werden können, um diese Bedrohung zu verringern. Man kann sein persönliches Risiko reduzieren, indem man die Fenster öffnet und für frische Luft sorgt. Doch wenn dieses Gas in die Wohnung geleitet wird, sind den Möglichkeiten des Einzelnen Grenzen gesetzt.“

Benzol durch Pipeline-Lecks

Die Studie belegt erstmals das weitverbreitete Vorkommen und die Risiken von Benzol in europäischen Haushalts-Gasleitungen und folgt einer ähnlichen Entdeckung in Nordamerika. Sie ist Teil der Methan- und Gesundheitsinitiative von PSE, die die Luftverschmutzung und die Gesundheitsrisiken bekannter Methanquellen untersucht. Forscher von PSE und Stanford hatten zuvor bereits die Benzolbildungsrate bei der Verbrennung von Erdgas in Kochstellen, die direkten gesundheitlichen Folgen sowie die Gefahr von Leckagen ermittelt.

Rob Jackson, Mitautor der Studie und Professor für Erdsystemwissenschaften an der Stanford Doerr School of Sustainability, meint kurz und knapp: „Diese Erkenntnis sollte uns alle beunruhigen.“

Die heutige Studie modellierte auch einen Benzolanstieg infolge eines großen Pipeline-Lecks in Großbritannien im Jahr 2023. Laut Modellierung erreichte die Benzolkonzentration in einem Umkreis von bis zu 50 Metern in Windrichtung das Vierfache des EU-Arbeitsschutzgrenzwerts von 8 Stunden.

Seth Shonkoff, Wissenschafter und Geschäftsführer von PSE: „Die entdeckten Benzolwerte sind schlichtweg erschreckend. Selbst ein kleines Leck in der Pipeline kann schnell erhebliche Gesundheitsrisiken im Innen- und Außenbereich bergen. Ob es nun aus einer Pipeline oder einem Herd in der Küche austritt – es ist immer dasselbe Gas, und das Gesundheitsrisiko ist überall vorhanden.“

„Unnötige Gesundheitsrisiken“

Rachel Huxley, Leiterin der Abteilung für Klimaschutz beim Wellcome Trust, sagte: „Wir erwarten, dass unsere Wohnungen der sicherste Ort sind, an dem wir uns aufhalten. Diese Studie zeigt, dass der alltägliche Gasverbrauch Menschen unnötigen Gesundheitsrisiken aussetzen kann. Da Erdgas hauptsächlich aus Methan besteht – einem extrem schädlichen Schadstoff –, setzen selbst kleine Lecks die Bevölkerung schädlichen Luftschadstoffen aus und verschärfen den Klimawandel.“

Die Ergebnisse unterstreichen die erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen von Luftverschmutzung in Innenräumen und Luftschadstoffen wie Benzol. „Diese Studie zeigt, wie wichtig die Wissenschaft für das Verständnis von Gesundheitsrisiken ist und wie sie Regierungen und Unternehmen dabei unterstützt, Maßnahmen zur Reduzierung der Umweltverschmutzung und zur Förderung gesunder Wohnverhältnisse und Gemeinden zu unterstützen.“


Interview


news330: Warum hat es diese Studie überhaupt gegeben?

Tamara Sparks: Bei PSE haben wir, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen von Standofrd seit Jahren eine Fokus auf die Gesundheitsfolgen von Gas und dessen Infrastruktur. Meistens konzentrieren sich vergleichbare Arbeiten auf den Klimaaspekt. Aber wenn Methan entweicht, dann entweichen auch andere gefährliche Verschmutzer, so etwa Gasöfen, die Benzol emittieren – wie in Kanada und den USA. Wir bekamen dann Hinweise, dass Gas aus der Nordsee sehr hohe Konzentrationen von Benzol habe – was sich nun auch bewahrheitet hat.

Worauf sind die unterschiedlichen Belastungen mit Benzol zurückzuführen?

Vermutlich sind geologische Variabilitäten im Gestein dafür verantwortlich.

Wie sieht die Situation im übrigen Europa aus?

Das hängt davon ab, aus welchen Ländern das Erdgas kommt. Entscheidend ist dann auch, wie stark die Menschen solchen Emissionen ausgesetzt sind. In Österreich, wo überwiegend auf E-Herden gekocht wird, ist dieses Risiko geringer. Möglich ist allerdings, dass andere Gas-Geräte eine Exposition möglich machen, aber das ist noch nicht klar genug erforscht.

Gibt es eine Auflistung der unterschiedlichen Belastungs-Intensität der einzelnen Gas-Herkunftsländern?

Wir wissen jetzt, dass die Belastung in einigen Gebieten Europas höher ist als in Nordamerika. Aber es bedarf zusätzlicher Studien, dies für den Rest der Welt sagen zu können.


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