Der Wissenschaftliche Beirat für Klimawandel fordert von der EU mehr Vorbereitung, mehr Anpassung und mehr Beschleunigung.
„Die bisherigen Fortschritte im europäischen Agrar- und Ernährungssystem stimmen weder mit den Klimazielen der Europäischen Union überein, noch werden sie den Herausforderungen gerecht, die auf Europa zukommen.“ Das ist eine der Kernaussagen eines Gremiums von Expertinnen und Experten.
Der wissenschaftliche Beirat für Klimawandel hat am Mittwoch einen 360 Seiten umfassenden Bericht („Klimaanpassung und Klimaschutz im Agrar- und Ernährungssystem – Empfehlungen für kohärente EU-Politikmaßnahmen“) vorgelegt. Aufgabe des Beirats ist, Einschätzungen zu aktuellen Themen abzugeben und die EU-Kommission zu beraten.
Opfer und Täter zugleich
Die Devise lautet: vorbereiten, anpassen und beschleunigen, denn das „Agrar- und Ernährungssystem der EU ist „entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Düngemittelproduktion bis hin zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern in zunehmendem Maße durch den Klimawandel bedroht.“ Gleichzeitig seien Agrar- und Ernährungssystem für ungefähr ein Drittel der Netto-Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.
Dieses Europa ist gleichzeitig häufiger intensiveren Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und Krankheitsausbrüchen ausgesetzt. Bereits jetzt, so hält die Studie fest, gebe es klimabedingt landwirtschaftliche Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe (pro Jahr). Und Entspannung, die sei nicht in Sicht. Denn „gegenwärtige und geplante Politikmaßnahmen werden voraussichtlich lediglich eine marginale zusätzliche Emissions-Verringerung bringen“.
Es mangelt an Umfang und Tempo
Es seien zusätzliche Emissions-Verringerungen in anderen Sektoren notwendig, um ie Klimaneutralität zu erreichen. Steigende Gesamtkosten und klimabedingte Risiken für die europäische Volkswirtschaft seien die Folge. Ottmar Edenhofer, Vorsitzender des Beirats: „Eine kosteneffiziente Erreichung der Klimaziele der EU für 2040 und 2050 erfordert substanzielle Emissionsminderungen in der gesamten Volkswirtschaft. Die Landwirtschaft hat zwar Fortschritte gemacht, aber Umfang und Tempo der Reduktionen sind noch nicht ausreichend.“
Und: „Der Sektor wird in den kommenden Jahren Maßnahmen ergreifen müssen: um zur Klimaneutralität beizutragen und um dabei die Existenzgrundlagen der Landwirtinnen und Landwirte zu schützen, ländliche Gemeinden zu stärken und die Nahrungsmittelversorgung Europas angesichts des fortschreitenden Klimawandels zu sichern.”
Gefragt ist ein systemischer Wandel
Edenhofer meint weiter, dass marginale Verbesserungen allein durch Technologien und landwirtschaftliche Praktiken „nicht ausreichend“ seien. Er tritt für einen „systemischen Wandel“, der sowohl Klimaanpassung als auch Emissionsminderung „entlang der gesamten Wertschöpfungskette“ vorantreibt. „Dieser Wandel betrifft die Produktionssysteme, die Landnutzung und die Konsummuster.“
Die nächste Runde, in der die GAP verhandelt werde, sei eine entscheidende Gelegenheit, die Agrarpolitik an den Klimazielen neu auszurichten und die Klimaresilienz zu stärken.
Sechs entscheidende Punkte
Der Beirat hat sechs Punkte definiert, deren Umsetzung entscheidend dafür sein werden, um Ernährungssicherheit zu verbessern und zu verhindern, dass der Agrarsektor dem Klimawandel komplett ausgeliefert wird. Die sechs Punkte:
1. Schrittweiser Abbau von GAP-Zahlungen, die besonders treibhausgasintensive Praktiken begünstigen; gleichzeitig sollen alternative Instrumente entwickelt werden, um die Einkommen zu stützen. Diese Zahlungen müssen mit den Klimazielen kompatibel sein.
2. Einführung von Treibhausgas-Bepreisung für das Agrar- und Ernährungssystem. Grundlage für die Berechnung müsse das Verursacherprinzip sein. Die Umstellung solle schrittweise und adaptiv angewandt werden. Landwirtinnen und Landwirte sollen unterstützt werden. CO2-bewusstes Verhalten müsse belohnt werden.
3. Beim Übergang zur CO2-konformen Landwirtschaft sollen Bäuerinnen und Bauern gezielt unterstützt werden, den Übergang zu erleichtern; finanzielle und wissensbezogene Hürden sind abzubauen.
4. Jene Instrumente müssen gestärkt werden, die Landwirtinnen und Landwirte dabei unterstützen, unvermeidbare Klimafolgen zu bewältigen.
5. Gesunde, klimafreundliche Ernährung und die Vermeidung von Lebensmittelabfällen müsse gefördert werden.
6. Sicherung einer ausreichenden und rechtzeitigen öffentlichen Finanzierung des Wandels.
Mehr:
web-link Climate adaptation and mitigation in the agri-food system – Recommendations for coherent EU policies












































































