Aus dem Reaktorkern 3 – Erinnerungen an nukleare Episoden

(c) Pixabay

Diesmal Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania. Am 28.3.1979, vor 47 Jahren, machte das Atomkraftwerk Harrisburg Schlagzeilen. Es kam zu einer partiellen Kernschmelze. Das „Take-Away“ von damals ist das „Take-Away“ von heute.

Eine gut geรถlte PR-Maschinerie hรคtte das Timing nicht besser setzen kรถnnen: Am 16 Mรคrz 1979 startete โ€žThe China-Syndromeโ€œ in nordamerikanischen Kinos. Der Plot: Zufรคllig bekommt eine Journalistin den Beginn eines Unfalls in einem fiktiven kalifornischen Atomkraftwerk mit, auf 122 Minuten schwirren Jane Fonda, Michael Douglas und Jack Lemmon durch die Verkettung von Einzelereignissen und die Vertuschungsversuche zu einem Katastrophenfilm ersten Ranges.

„Pure Phantasie“ und die bittere Realitรคt

Der Film spielte schon in der ersten Woche das Doppelte dessen ein, was die Produktion gekostet hatte โ€“ ungeachtet der erbosten Vorwรผrfe seitens der Atom-Industrie, hier werde die gesamte Atomindustrie verunglimpft und die Handlung sei โ€žpure Phantasieโ€œ.ย Diese „pure Phantasie“ wurde zu einem Gutteil zwรถlf Tage spรคter im US-Bundesstaat Pennsylvania ein paar tausend Kilometer weiter รถstlich zur bitteren Realitรคt.

Der Unfall im Atomkraftwerk โ€žThree Mile Islandโ€œ bei Harrisburg โ€“ 150 Kilometer von Washington D.C. und knapp 200 km von New York entfernt โ€“ begann genaugenommen schon zwei Tage vor dem in die Chronik eingegangenen Ereignis; nicht also am 28. Mรคrz in der Frรผh, sondern schon am 26. Mรคrz um 10.00 am Vormittag. Da wurde routinemรครŸig getestet, ob im Notfall Wasser einschieรŸt. Der Test verlief erfolgreich. Allerdings: Die Bedienmannschaft hatte vergessen, zwei Ventile, die im Zuge des Test geschlossen worden waren, wieder zu รถffnen.

Kernschmelze war in vollem Gange

Zwei Tage spรคter, um exakt vier Uhr frรผh, schloss sich durch eine Fehlfunktion ein weiteres Ventil im sekundรคren Kreislauf des Atomkraftwerks. Die Wasserpumpen schalteten sofort ab, die Kรผhlung des Reaktors zwei fiel aus, die Schnellabschaltung wurden ausgelรถst.

Temperatur und Druck im Primรคr-Kreislauf begannen zu steigen, die Notkรผhlung sprang an. Wasser gelangte allerdings nicht in die Dampferzeuger, weil einige Ventile geschlossen blieben; ein Sicherheitsventil blieb dauerhaft offen โ€“ das blieb allerdings unentdeckt, weil es im Kontrollraum keine Anzeige fรผr den Status des Ventils gab. Eine Scheibe zerbrach aufgrund des Drucks, Kรผhlmittel gelangte ins Containment.

Kurz nach Schichtwechsel um 06.00 Uhr wurde Wasserstoff freigesetzt und die Reaktoren begannen zu schmelzen. Die Kernschmelze war in vollem Gange. Etwa die Hรคlfte des nuklearen Materials sollte schmelzen โ€“ hier treffen einander Film und Wirklichkeit beinahe. Denn auch im Film kommt es zu einer Kernschmelze, deren volle Ausprรคgung umgangssprachlich auch als โ€žChina Syndromโ€œ bezeichnet wird: Durchschmelzen des gesamten nuklearen Materials durch den Reaktorboden, sodass sich der geschmolzene Reaktor-Inhalt ins Erdinnere frisst โ€“ in der Theorie quer durch den Erdball, bis nach China โ€“ was sinnbildlich fรผr die Unkontrollierbarkeit stehen soll, nicht dafรผr, dass ein Durchschmelzen durch den gesamten Erdball mรถglich wรคre.

Folgen sind auch heute noch umstritten

Soweit kam es in Harrisburg nicht, der Reaktorboden hielt stand, es blieb bei der partiellen Kernschmelze. Ob โ€“ und wenn ja: wie viel โ€“ Radioaktivitรคt durch den Reaktorunfall in Harrisburg in die Umwelt gelangt sein kรถnnte, bleibt auch heute, 47 Jahre spรคter noch umstritten. In den offiziellen Berichten wird dies in Abrede gestellt, wรคhrend Einzelpersonen das Gegenteil behaupten. So haben Norman und Marjorie Aamodt eine eigene Studie in 450 Haushalten der Gegend in der Nรคhe des Atomkrafterks durchgefรผhrt. Statt der statistisch erwarteten drei Fรคlle von Krebstoten fand das Ehepaar Aamondt 20. Die US-Atomaufsichtsbehรถrde NRC hat festgestellt, dass es zwar zu einer Emission von radioaktiven Substanzen gekommen sei, allerdings in keinerlei bedenklicher Dosis.

Der offizielle Bericht zu der causa wurde von der โ€žKemeny Commissionโ€œ, die US-Prรคsident Jimmy Carter eingesetzt hatte, am 30. Oktober 1979 verรถffentlicht. Demnach wurde der Reaktorunfall auf โ€žmenschliches Versagen, institutionelle Schwรคchen und mechanische Fehlerโ€œ zurรผckgefรผhrt. Radioaktivitรคt in gesundheitlich bedenklichem AusmaรŸ sei nicht in die Umwelt gelangt, hieรŸ es.

Millionen fรผr auรŸergerichtliche Vereinbarungen

Im Februar 1981 wurde ein Fonds gestartet, dessen Volumen von 20 Millionen US-Dollar unter 15.000 Personen verteilt worden ist. In den folgenden Jahren wurden Millionen-Betrรคge in auรŸergerichtlichen Einigungen an Betroffene ausgezahlt.ย 

Einen Bericht ganz anderer Art liefert Charles Perrow. Der Organisationstheoretiker und Soziologe (Yale-University), der 2019 94-jรคhrig verstorben ist, hat unter anderem im Buch โ€žNormale Katstophen: Leben mit Hoch-Risiko-Technologienโ€œ die These aufgestellt, dass es unmรถglich ist, in hoch-komplexen Technologien katastrophale Ereignisketten vorherzusehen und zu vermeiden. Das „Take-away“ von damals kann wohl auch als das „Take-Away“ von heute klassifiziert werden.

Der Reaktorunfall im Reaktor 2 von Three Mile Island gilt als โ€žBeinahe-Katastropheโ€œ und ist von der internationalen Atomenergieagentur (IAEA) als INES 5 โ€“ Ereignis eingestuft.


Aus dem Reaktorkern


โ€žAus dem Reaktorkernโ€œ versteht sich als Beitrag zur Energie-Debatte, in der es des รถfteren heiรŸt, Atomkraft garantiere eine sichere und gรผnstige Energiequelle, und erinnert an bekannt gewordene Vorfรคlle, die aufgrund der IAEA-Klassifizierung als INES 4 bis INES 7 eingestuft werden.

Diese Abgrenzung geschieht vor dem Hintergrund, dass Ereignisse ab INES 4 aufwรคrts rasch katastrophale Zรผge annehmen kรถnnen, wenn im Ablauf eines Krisenmanagements im Kraftwerk Unwรคgbarkeiten auftreten. Je hรถher die INES-Einstufung desto schlimmer die Folgen.ย 



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