Österreich braucht vier Erden

(c) Pixabay

Weniger ist Mehr – jedenfalls dann, wenn Nachhaltigkeit im Spiel ist. Besonders deutlich zeigt sich dies am „Overshoot“-Day am Donnerstag.

Nicht weniger als 20 Tonnen Ressourcen werden pro Kopf in Österreich verbraucht. Österreich liegt im weltweiten Vergleich damit ziemlich weit hinten und braucht – rechnerisch – vier Erden, unter der Annahme, dass alle Erden-Bewohnerinnen und -Bewohner gleich viel an Ressourcen verbrauchen. Deutschland und Schweiz verbrauchen weniger, aber aus der Perspektive der Nachhaltigkeit immer noch zu viel – zweieinhalb Erden.

„Weg vom Wegwerfen“

„Wir verschwenden Ressourcen, produzieren zu viel Müll und bleiben abhängig von Autokratien und Diktatoren. Es gibt aber eine sehr gute Lösung: Wir schaffen den Übergang zur Kreislaufwirtschaft – weg vom Wegwerfen, hin zum Wiederverwenden, Reparieren und Teilen“, sagt Anna Leitner, Sprecherin für Ressourcen der Umweltschutzorganisation Global 2000.

Sie nennt auch konkrete Beispiel, wie mehr Nachhaltigkeit konkret umgesetzt werden kann. In Traiskirchen etwa ermögliche die „Bibliothek der Dinge“, Alltagsgegenstände wie Bohrmaschinen oder Partybeleuchtung auszuleihen, statt sie neu zu kaufen. Die Geräte-Retter-Prämie verlängere die Lebensdauer von Geräten.

Keine gute Performance in Europa

Diese Initiativen würden auch angenommen. Sie seien aber derzeit freiwillig und wenig koordiniert. „Österreich hat zwar seit 2022 eine Kreislaufwirtschaftsstrategie, aber kein Gesetz, das klare Zuständigkeiten festlegt und verbindliche Ziele schafft. Die Bundesregierung hätte diesen Schritt längst setzen müssen.“

Das Momentum-Institut streicht heraus, dass Österreich auch innerhalb Europas keine gute Performance liefere: Lediglich Luxemburg, Dänemark, Litauen und Finnland verbrauchten jene Ressourcen rascher, die der Planet innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann. Auffallend sei, dass Österreichs direkte Nachbarn mit ihren Ressourcen sparsamer umgingen, heißt es in einer Aussendung des Instituts.

„Abhängig von Öl und Gas“

„Österreich gehört zu den Schlusslichtern in der EU. Gleichzeitig steht die Bundesregierung in der Klimapolitik auf der Bremse. Dabei zeigen uns internationale Krisen wie der Iran-Krieg jeden Tag, wie teuer unser hoher Rohstoffverbrauch und speziell die Abhängigkeit von Öl und Gas sind“, so Paul Steinmaßl, Ökonom am Momentum Institut.

Das Institut schlägt Tempo 100 statt 130 km/h auf der Autobahn vor, wodurch der Kraftstoffverbrauch auf 100 Kilometer im Schnitt um 22,6 Prozent sinke. Ein Tempolimit sei schnell umsetzbar und keine Belastung für das Budget. Auch ein Verbot von Privatjet- und Kurzstreckenflügen spare Emissionen ein.

Im Wohnbereich benennt das Institut die thermische Sanierung und den Heizkesseltausch als wichtig, aktuell sei auch der Ausbau der erneuerbaren Energie. Öl- und Gasimporte sind nicht nur klimaschädlich, sie gehören auch zu den maßgeblichen Preistreibern in Österreich.

„Staat sendet falsche Signale“

In einer Momentum-Auswertung wird berechnet, dass klimaschädliche Subventionen 1,28 Milliarden Euro ausmachten – Dabei werden 200 Millionen durch die Erhöhung des Pendeleuros verursacht, das Dienstwagenprivileg wird auf 500 Millionen Euro geschätzt, und die Steuerbefreiung von Kerosin schlage mit 580 Millionen zu Buche.

Wenn der Staat klimaschädlichen Verkehr mit Steuervorteilen fördert, sendet er die falschen Signale. Gerade in Zeiten einer drohenden Energiekrise und knapper Budgets sollten Förderungen dort reduziert werden, wo sie Klima und öffentliche Finanzen gleichzeitig belasten“, sagt Miriam Frauenlob, Ökonomin am Momentum Institut.

Resilienz, Inklusion, Gerechtigkeit

In einer weiteren Studie an der australischen Charles Darwin University haben Michael Odei Erdiaw-Kwasie, Dozent für Wirtschaftswissenschaften, und Matthew Abunyewah, Nachwuchsforscher im Bereich psychosoziale Resilienz, die Zusammenarbeit und die Zielkonflikte zwischen Initiativen der Kreislaufwirtschaft und vier Kernzielen der Entwicklung von Gemeinden erforscht: Resilienz, soziale Inklusion, Empowerment und soziale Gerechtigkeit.

Dabei stellen die beiden Wissenschafter drei Hürden fest, die es zu überwinden gelte, wenn Nachhaltigkeit konkret in die Praxis umgesetzt werden soll:

  • Finanzbedarf für Investitionen in die Infrastruktur
  • Arbeitsplätze und Chancen für kleine Unternehmen oder die Gemeinde, weil manche Kreislaufwirtschaftsmodelle auf große Unternehmen abzielen
  • Neue Programme scheitern daran, wenn Programme andere Zielsetzuingen und Praktiken einsetzen als jene, die üblich sind.

Erdiaw-Kwasie: „Um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen, müssen Kreislaufstrategien soziale Prozesse und Strukturen einbeziehen.“ Als positives Beispiel nennt er den vietnamesischen Modetextilhersteller Saitex. Er setze auf Abfallvermeidung, Wassereinsparung und die Produktion erneuerbarer Energien. Zudem werden Tausende von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen geschaffen.

„Beschleuniger für Gemeinden“

„Sozial inklusive Arbeitsplätze fördern Innovation, indem sie Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Problemlösungskompetenzen zusammenbringen. Diese Vielfalt kann zur Entwicklung innovativerer und effektiverer Lösungen für die Kreislaufwirtschaft beitragen, die den Bedürfnissen einer breiten Palette von Interessengruppen gerecht werden.“ so Erdiaw-Kwasie.

Wichtig sei, dass nicht nur Ziele zur Materialeffizienz definiert werden, sondern auch welche für die Entwicklung der Gemeinde. „Kreislaufwirtschaft trägt nicht nur zu mehr Wohlbefinden, besserer sozialer Inklusion, mehr Eigenverantwortung in der Gemeinschaft und sozialer Gerechtigkeit bei, sondern birgt auch ein erhebliches Potenzial, die Entwicklung von Gemeinschaften zu beschleunigen,“ meint Matthew Abunyewah.


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