Deutschland: Anders und bessern bauen

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Expertinnen und Experten legen eine Studie vor, wie neu und anders gebaut werden kann. Werden muss, um die Umweltbelastung zu verringern und mehr Kreislauf zu erhöhen.

„Cradle-to-Grave“ („Von der Wiege zur Bahre“) hatte das Konzept vor mehr als 30 Jahren gelautet, als der Verbrauch von Ressourcen erstmals konkret in die umweltpolitische Debatte einfloss. Seither ist einiges geschehen, insbesondere auf dem Sektor der Neubauten. Aber obwohl dieser Zugang quasi in seinen besten Jahren sein sollte, so kommt er doch nicht so recht vom Fleck weg. Das hat auch der neue Begriff – Kreislaufwirtschaft – nicht grundsätzlich geändert.

„Unabhängiger von globalen Lieferketten“

Das soll nun anders werden: Am Montag hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) im Bundestagsgebäude eine Studie an Carsten Schneider (SPD), Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit, und Verena Hubertz (SPD), Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, übergeben. Das Thema: „Kreislaufwirtschaft im Bau“. Darin erarbeitet und empfiehlt der SRU Kriterien für die Bauwirtschaft.

Carsten Schneider: „Die Frage, wie wir bauen, macht für die Umwelt einen großen Unterschied. Die Hälfte des Abfalls entfällt in Deutschland auf Schutt und andere Bauabfälle. Zugleich werden beim Bauen enorm viele Ressourcen verbraucht. Ziel ist, dass ein Gebäude von heute nicht mehr der Abfall von morgen ist, sondern eine Art Rohstofflager. Bestandserhalt ist meist besser als Abriss. All das macht uns auch unabhängiger von globalen Lieferketten und von Preisschwankungen bei Baumaterialien.“

„Die Stellungnahme ist für uns Rückenwind“

Verena Hubertz: „Zirkuläres Bauen ist einer der Schlüssel für bezahlbares und ressourcenschonendes Wohnen. Wir wollen Gebäude von Anfang an so planen, dass Materialien lange genutzt, wiederverwendet und am Ende eines Gebäudelebens möglichst in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Deshalb treiben wir im Bauministerium die Lebenszyklusbetrachtung in der Neubauförderung voran und fördern den Umbau sowie die kreative Umnutzung bestehender Gebäude. Denn jedes Haus, das wir weiterbauen statt abreißen, spart Ressourcen, Energie und Kosten. Die Stellungnahme des SRU ist für uns Rückenwind, diesen Weg entschlossen weiterzugehen.“

Während die Idee der Kreislaufwirtschaft bei Neubauten sich allmählich herumgesprochen, ist dies bei bestehenden Bauten noch nicht so stark verbreitet. Gerade hier aber liegt der Schlüssel, ob in Zukunft der Kreislaufwirtschafts-Ansatz gelingt oder nicht. Denn den etwa 100.000 neuen Wohnbauten, die in einem Jahr errichtet werden, steht ein Bestand von 20 Millionen Gebäuden gegenüber.

Ein Drittel des Rohstoffkonsums

„Der Bau- und Gebäudebereich verantwortet in Deutschland etwa die Hälfte aller Abfälle, ein Drittel des Rohstoffkonsums und ein Drittel der Klimaemissionen,“ erläutert Christina Dornack. Sie ist Direktorin des Instituts für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der Technischen Universität Dresden. „Gleichzeitig werden Rohstoffe teurer, Deponieraum wird knapper und Klimaschutz dringlicher – hier bietet zirkuläres Bauen eine Lösung.“

„Die Politik sollte nun aktiv die Weichen stellen für zirkuläres Bauen. „Um in die Breite zu kommen, braucht es gezielte politische Unterstützung: verlässliche Standards, wirtschaftliche Anreize, bessere digitale Dokumentation fachliche Qualifizierung und klare rechtliche Regeln. Die öffentliche Hand sollte bei der Vergabe ihrer Bauvorhaben Vorreiter sein. Öffentliche Ausschreibungen sollten Recyclingprodukte bevorzugen müssen.“

Der zirkuläre Ansatz soll sicherstellen, dass nicht nur Recycling-Baustoffe verwendet werden – wie etwa Gips, Beton und Ziegel –, sondern auch „sekundäre Baumaterialien“: Stahlprofile oder Betondecken, Fenster, Türen oder Treppen.

Rechtlich unzureichend erfasst

Entscheidend ist dabei, dass schon beim Bau der Um- und der Rückbau mitgedacht werden. „Der Bau- und Gebäudebereich verursacht mehr als die Hälfte des jährlichen Abfallaufkommens und einen Großteil des Flächenverbrauchs,“ heißt es in der Stellungnahme des SRU. „Acht Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen entfallen auf die inländische Baustoffproduktion.“

Festgehalten wird auch, dass Kreislaufwirtschaft im Bau derzeit in der Umsetzung schwierig ist, zumal die Baubranche insgesamt unter Druck stehe, Stichwort: Mangel an Fachkräften. Bauprodukte sind nach ihrer Demontage oft als Abfall eingestuft – dies zu ändern, erweist sich in der Praxis als schwierig.

Sekundär-Bauprodukte sind in den einschlägigen rechtlichen Beurteilungen unzureichend erfasst. Um eine Recycling-Produkte verwenden zu können, ist es oft nötig, Einzelfall-Prüfungen durchzuführen. Ähnlich verhält es sich mit der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Gewerke, die sich über Jahrzehnte eingespielt hat. Es gibt hier unterschiedliche Perspektiven und Interessen. Recycling hat hier nur einen beschränkten Platz. Diese Usancen müssen hintergfragt werden.

„Neue Geschäftsmodelle, neue Chancen“

„Zirkuläres Bauen ermöglicht neue Geschäftsmodelle und eröffnet Chancen für innovative Firmen und die lokale Wertschöpfung“, meint Claudia Kemfert. „Viele Maßnahmen rechnen sich, wenn die Kosten über den gesamten Lebenszyklus betrachtet werden. Manche Sekundärbauprodukte sind schon heute günstiger als neue Bauprodukte. Zirkuläres Bauen setzt sich nur durch, wenn sich Wiederverwendung und Recycling rechnen, dafür braucht es klare Anreize, etwa durch eine Primärbaustoffsteuer und steuerliche Vorteile für Sekundärbauprodukte.“ Kemfert ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg und leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Häufig Einzel-Analyse nötig

Bei den bestehenden Bauten ist die Herausforderung noch um einiges komplexer: Denn aufgrund unterschiedlicher Verwendung und Eigentümer ist fast in jedem Fall eine Einzel-Analyse notwendig, um eine Sanierung zu starten. Dazu kommt noch, dass aufgrund der Klimakrise eine rasche thermische Sanierung der Bauten nötig ist.

Der Beirat formuliert einige Kernthemen, deren Umsetzung für den Kreislaufwirtschafts-Ansatz ausschlaggebend ist:

  • Digitalisierung, Festsetzen von Standards – Diese Dokumentation ist von zentraler Bedeutung, um eine Logistik für den Handel mit gebrauchten Bauprodukten anzukurbeln.
  • Wissen vermitteln – Förderung von Maßnahmen zur Weiterbildung und Lehrpläne für handwerkliche Ausbildungen angepasst werden.
  • Anreize setzen – Förderprogramme für Umbauten sind an Kriterien der Kreislaufwirtschaft anzupassen. Die Besteuerung von Primärbaustoffen oder ein Steuernachlass bei der Mehrwertsteuer für Recycling-Materialien sollte angedacht werden.
  • Kreisläufe müssen geschlossen werde – Die Anforderungen an Sekundärbauprodukte sind auf europäischer und deutscher Ebene anzugleichen. Der Einsatz im privaten Baurecht sollte vereinfacht werden. Der SRU empfiehlt, die erweiterte Herstellerverantwortung künftig auch national auf Bauprodukte auszuweiten, um unter anderem Anreize für ein umweltfreundliches Produktdesign zu schaffen. Für den Gebäudeabbruch sollten Pflichten zur Schadstoffbegehung und Rückbauplanung eingeführt werden.
  • Wesentlich ist schließlich auch, dass die öffentliche Hand im Bauwesen mit guten Beispiel voran geht.

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