Versichern beruhigt. Oder doch nicht?

(c) Pixabay

Versicherungen haben in der Klimakrise eine besondere Rolle – einerseits durch höhere Schäden. Andererseits erleichtern Risikoabdeckung und Geld (auch) von Versicherungen fossile Öl- und Gas-Projekte. „urgewald“ legt dazu einen Report vor.

„Wir planen, bauen und sanieren in Deutschland unseren Gebäudebestand auf Basis von Normen, denen der Schutz vor Klimafolgen weitgehend fremd ist. Verwaltungsentscheidungen führen daher oft zu „Katastrophen auf Wiedervorlage“. Das muss sich ändern. Spätestens bis Ende 2025. Zugleich appellieren wir an Bund, Länder und Gemeinden, die bestehenden Regelwerke zu Prävention und Klimafolgenanpassung konsequent anzuwenden, Schutzmaßnahmen voranzutreiben und hinreichend zu finanzieren.“

Berechnung: 143 Milliarden jährlich 

Mit dieser Stellungnahme (vom Jänner 2024) hat der „Gesamtverband der Versicherer“ (GDV) an die Politik appelliert, in Sachen Klimaschutz deutlichere Maßnahmen zu setzen. In der kommenden Woche wird sich der deutsche „Bund der Versicherten“ mit dem Thema befassen. Schon jetzt legt die NGO „urgewald“ einen Report („Aus Klimakrise wird Versicherungskrise“) vor, in dem die Ambivalenz der Versicherungsbranche herausgearbeitet wird. Ob Versichern tatsächlich beruhigt, ist eine Frage der Perspektive.

Einerseits stellt der Bericht fest, dass die Schäden durch Extrem-Wetterereignissen zunehmen und mehr und mehr Geld kosten. In einer Studie, die in Nature 2023 veröffentlicht worden ist (link am Artikelende), kommen Autorin und Autor zum Schluss, dass durch den Klimawandel verursachte Schäden mit 143 Milliarden US-Dollar jährlich zu beziffern sind. Diese Summe wird zu 60 Prozent bestimmt durch den Tod von fast 61.000 Menschen, zu 40% durch wirtschaftlichen Schaden.

Gemeldet: 224 Milliarden im Jahr 2025

Basis für diese Berechnungen sind Zahlen von 185 Extremwetterereignissen einer internationalen Datenbank. Aufgrund dieser Basis hat „urgewald“ eine Hochrechnung für den Zeitraum von 2000 bis 2019 angestellt und kommt auf einen Gesamtschaden von 2,86 Billionen Dollar. Die Rückversicherung Munich Re hat den Gesamtschaden von Unwettern für 2025 mit 224 Milliarden angegeben; und 2024 mit 320 Milliarden Dollar. Der Unterschied zwischen Berechnung in der Studie und den tatsächlich gemeldeten Schadenshöhen deutet darauf hin, dass die Summe der gemeldeten Versicherungsfälle steigt.

Das Netzwerk „Insure-Our-Future“ (IOF) hat eine Studie in Auftrag gegeben, bei der versicherte Schäden bei fünf großen Versicherungsunternehmen – Aon, Gallagher Re, Munich Re, Swiss Re und Verisk – für den Zeitraum 2002 bis 2022 ausgewertet wurden. Ergebnis: Schäden, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind, liegen in der Höhe von 475 bis 720 Milliarden. „urgewald“ ist Mitglied des IOF-Netzwerks.

Es gibt eine Dunkelziffer

Zahlen über die Schadensentwicklungen sind immer vor dem Hintergrund zu lesen, dass in vielen Bereichen kein Versicherungsschutz besteht und die Infrastruktur zur Behebnug von Schäden nicht gut ausgebildet oder teilweise auch gar nicht vorhanden ist. Dies betrifft vor allem Elementarereignisse in Afrika, Asien und Süd- und Mittelamerika. Es gibt also eine Dunkelziffer, die tatsächlichen Schadenshöhen dürften deutlich höher sein.

Die Folgen dieser Entwicklung bedeuten, dass es in manchen Regionen (Australien, Neuseeland, Florida oder Kalifornien) gar nicht mehr möglich ist, gewisse Risiken versichern zu lassen; anderswo sind die Prämien in den vergangenen Jahren deutlich in die Höhe geschnellt. Die Landschaft der angebotenen Versicherungen ist vielfältig, sodass ein direkter Vergleich aufwändig und oft nur schwer möglich ist.

Bremser oder Beschleuniger 

Dies vor allem auch deshalb, weil Versicherungen nicht nur von der Zahlung immer höherer Schadenssummen betroffen sind. Versicherungs-Unternehmen haben durch die Übernahmen einer Deckung für fossile Projekte eine direkte Rolle bei Bremsen oder Beschleunigung von solchen Vorhaben. Während die Versicherer laut Auswertungen von „urgewald“ in den vergangenen Jahren begonnen haben, vor allem der Kohle-Industrie den Rücken zuzukehren, ist dies im Bereich der Öl- und Gas-Geschäfte noch nicht der Fall. Dazu kommt noch, dass die 24 Assekuranzen, die von IOF analysiert worden sind, 159 Milliarden in Anleihen und Aktien von fossilen Projekten investieren.

„Versicherer, die Klimaschäden regulieren und gleichzeitig Öl- und Gaskonzerne unterstützen, sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen,“ sagt Anna Lena Samborski, Autorin des Hintergrundpapiers und Versicherungs-Campaignerin bei „urgewald“. „Beispiele wie Florida oder Australien zeigen schon heute, wie die Klimakrise regionale Versicherungsmärkte zum Kippen bringt. Der Ausstieg aus fossilen Geschäften ist längst keine Frage mehr von Haltung – es ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“

„urgewald“ verfolgt mit der Veröffentlichung der Analyse das Ziel, dass die Versicherungs-Unternehmen die wirtschaftlichen Verbindungen zu den fossilen Unternehmen reduzieren und kappen; und auch keine diesbezüglichen Projekte in Deckung nehmen. Zudem solle die Versicherungsbranche rechtlich gegen fossile Unternehmen vorgehen und Schadenersatz fordern, nachdem es zu folgenschweren Extrem-Wetterereignissen gekommen ist.

Bisher keine Schadenersatz-Forderungen

Und schließlich drängt „urgewald“ darauf, dass das deutsche Versicherungssystem zu einem geändert wird, das dem französischen oder Schweizer Modell entspricht. In diesen beiden Ländern gibt es – anders als in Österreich und Deutschland – eine Pflichtversicherung, die durch einen staatlichen Rückversicherer gedeckt ist. Außerdem gibt es einen Fonds, aus dem Projekte finanzert werden, mit denen Schäden minimiert oder überhaupt vermieden werden können. Die Prämien sind im internationalen Vergleich in Frankreich deutlich günstiger.

Die bestehende Versicherungs-Landschaft in Deutschland sieht so aus, dass derzeit nur 57 Prozent ihr Gebäude für den Fall von Elementarereignissen versichert haben (in Frankreich sind dies 98 Prozent). Das führt dazu, dass dann der Staat im Notfall Milliarden ausschüttet, um die Betroffenen zu unterstützen. Regressforderungen an fossile Unternehmen gibt es weder von der Versicherungswirtschaft, noch vom Staat.


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