Wolf: Anwesenheit macht verdächtig

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Dem Wolf rücken aktuelle Gesetze und Verordnungen auf den Pelz. Umwelt- und Naturschutzorganisationen halten dagegen.

Der Wolf beschäftigt die Politik. Die jüngsten österreichischen Beispiele dazu kommen aus Salzburg und Vorarlberg. In einer Aussendung des Landes Salzburg, heißt es, dass hier erstmals auf eine „präventive Lösung“ und eine Freigabe von Wolfskontingenten gesetzt werde. Die „Wolfspräsenz“ habe zugenommen, mit den entsprechenden Maßnahmen werde sichergestellt, „damit Konflikte erst gar nicht entstehen“.

„Schuss- und Schonzeit wird kommen müssen“

Konkret werden in einer neuen Verordnung 122.000 Hektar ausgewiesen, in denen sich in der Vergangenheit die Wolfsrisse von Nutztieren gehäuft hätten. Hier soll der Abschuss von zwei Wölfen pro Jahr in der Weideperiode (vom 1. Mai bis 15. November) zulässig sein. Dies gilt befristet bis Ende 2027. Darüber hinausgehende Abschüsse seien nicht möglich – es sei denn, es gibt Nutztierrisse. Damit sind dann Abschüsse also doch wieder zulässig.

„Eine ganz normal festgelegte Schuss- und Schonzeit für das Raubtier Wolf wird früher oder später kommen müssen“, meint Marlene Svazek (FPÖ), Landeshauptfrau-Stellvertreterin; sie ist für Jagd und Naturschutz zuständig. Sie meint weiter, da der Wolf seit dem Vorjahr nicht mehr streng geschützt sei, sodass „flexible Managementmaßnahmen“ möglich seien. Der Erhaltungszustand der Wolfs-Population sichergestellt sei.

„Ein absoluter Dammbruch“

„Dass Wölfe sogar anlasslos getötet werden sollen, ist ein absoluter Dammbruch und eindeutig rechtswidrig. Generell ist ein derart aggressives Vorgehen gegen eine geschützte Art völlig überschießend“, sagt Christian Pichler. Er ist Wolf-Experte des World Wide Fund for Nature (WWF). Die präventiven Abschüsse stünden im Widerspruch zu der europarechtlich verpflichtende Einzelfallprüfung. „Das läuft de facto auf eine Tötung auf Verdacht hinaus und ist rechtlich wie fachlich nicht haltbar“, sagt Pichler.

Er verweist zudem auf die Schlüsselrolle dieser „intelligenten und sozialen Tiere“. „Als großer Beutegreifer helfe der Wolf, übermäßig hohe Wildbestände zu regulieren und die Artenvielfalt und die Waldverjüngung zu fördern.“ Anstelle der bisherigen Abschusspolitik fordert der WWF daher „ein rechtssicheres und wissenschaftlich fundiertes Vorgehen aller Bundesländer. Dazu zählen die konsequente Einhaltung des EU-Artenschutzrechts, fachgerechter Herdenschutz und ein konsequentes Vorgehen gegen Wildtierkriminalität.“

Wolf war schneller als die Behörden

Ähnlich lautet die WWF-Argumentation beim Entwurf einer Verordnung in Vorarlberg. Die Hauptneuerung ist die Übertragung der Vollzugs-Kompetenz für die Verordnung von den Bezirkshauptmannschaften auf die Landesregierung zu heben – einfach deshalb, weil der Wolf zu schnell durch die Wälder streifte, als Behörden Entscheidungen fällen konnten.

Hauptkritikpunkt des WWF an diesem Entwurf, dessen Begutachtung am Montag zu Ende ging, ist aber nicht die Kompetenz-Übertragung, sondern das Fehlen der verpflichtenden Einzelfallprüfung und der Abwägung, welchen Einfluss die Entnahme eines Wolfs auf die Erhaltungszustand insgesamt habe. 2025 wurden in Österreich 114 Wölfe nachgewiesen und 22 Tiere geschossen; zwölf davon in Kärnten. Im ersten Quartal 2026 wurden bisher 28 Wölfe nachgewiesen und sieben geschossen.

Managementplan in Thüringen

In Deutschland gibt es derzeit nachgewiesene 219 Wolfsrudel (2024/25). Der Bundesrat ist bereits zu Jahresbeginn dem Bundestag gefolgt, als der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen wurde. Im Naturschutzrecht verbleibt er weiterhin. Im Gesetz wird nun ein Fenster von 1. Juli bis zum 31. Oktober aufgemacht, in dem der Wolf bejagt werden kann. Wenn ein Wolf Weidetiere trotz sachgerechten Herdenschutzes getötet oder verletzt hat, darf er unabhängig vom Erhaltungszustand der Population, unabhängig auch von der Jagdzeit geschossen werden. In den Ländern wird darauf allerdings unterschiedlich reagiert: So kündigte Thilo Kummer (BSW), Umweltminister in Thüringen, an, „die Thüringer Jagdzeitenverordnung umzusetzen und einen Thüringer Managementplan erarbeiten“.

In Baden-Württemberg wird nun etwas zurückgerudert – im Vorjahr war eine Ausnahme-Erlaubnis zum Abschuss erlassen wurden, weil sich Wölfe Hündinnen genähert hatten. Dabei waren diese Wölfe auch Menschen sehr nahe gekommen. Die Ausnahme-Erlaubnis beruhte auf einer Einschätzung der Forstwirtschaftlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg. Sie wurde nun revidiert, nachdem die Zahl der Sichtungen von Wölfen stark zurückgegangen sei. „Die artenschutzrechtliche Ausnahmeregelung“ werde nicht verlängert.“ Unterdessen wird das Monitoring intensiviert. Umweltministerin Thekla Walker (Bündnis 90/Die Grünen): „Wir legen die Hände nicht in den Schoß. Wir müssen die Situation genau beobachten. Nur bei einem engmaschigen Monitoring haben Vergrämungsmaßnahmen Aussicht auf Erfolg.“

„Herdenschutz erheblich unterstützen“

In Niedersachsen wiederum will man auf Klarstellung durch den Bund setzen. Umweltminister Christian Meyer (Bündnis 90/Die Grünen) sagt: „Guter Herdenschutz bleibt wichtig, denn der Wolf wird dauerhaft in Niedersachsen bleiben. Darum werden wird den Herdenschutz auch künftig mit erheblichen Landesmitteln unterstützen. Der Wolf bleibt auch nach Aufnahme ins Bundesjagdrecht naturschutzrechtlich weiter geschützt und der gute Erhaltungszustand darf durch die geplanten Entnahmen nicht unterschritten werden.“

Entnahmen von Wölfen dürften nicht willkürlich erfolgen. „Obergrenzen oder Mindest-Jagdquoten sind im Gesetzentwurf des Bundes nicht vorgesehen und wären auch nicht hilfreich für die Weidetierhaltung. Es macht keinen Sinn, auch da beliebig Rudelstrukturen zu zerstören, wo Wölfe unauffällig sind. Uns liegt sehr an einem niedersächsischen Weg mit landwirtschaftlichen und Umweltverbänden für einen neuen Wolfskonsens in Deutschland.“

40 Wolfsrudel in der Schweiz

In Rheinland-Pfalz steht die Suche nach Konsens im Vordergrund: Der Wolf ist für viele Menschen im ländlichen Raum kein abstraktes Symbolthema, sondern berührt ganz konkret auch die Existenz von Weidetierhalterinnen und Weidetierhaltern“, sagte Umweltstaatssekretär Erwin Manz (Bündnis 90/Die Grünen). „Gerade deshalb bleibt es für uns wichtig, eng mit den Verbänden zusammenzuarbeiten, sie frühzeitig über geplante rechtliche Änderungen zu informieren und die Haltung der Verbände aufzunehmen.“

In der Schweiz gibt es einen geschätzten Bestand von etwa 40 Wolfsrudeln mit etwa 350 Einzel-Tieren. Eine Allianz von Tierschutz- und Umweltorganisationen (WWF Schweiz, BirdLife Schweiz, Pro Natura und „Gruppe Wolf Schweiz“, GSW) kritisiert die Zahl der Entnahmen. Es habe auch fragwürdige Abschussbewilligungen für unauffällige Wolfsrudel und Fehlabschüsse gegeben, die für den Schutz der Nutztiere kontraproduktiv sein können. Hier erwarten die Naturschutzorganisationen in diesem Jahr klare Verbesserungen.

In einer Studie, die der Wolfs-Experte Peter Dettling für GSW erstellt hat, wird betont, dass die Schweiz mit der Novelle der Jagdverordnung 2023 „eine radikale Kehrtwende“ gemacht habe. Bundesweit werde es als „proaktive Regulation“ tituliert, sei aber ein „ineffektives, desaströses und extrem teures Experiment“, so die Analyse, die Dettling mit „Das tödliche Experiment: Warum die Wolfsregulation am Ziel vorbeischießt“ betitelt.

Fast 57.000 tote Schafe

Er kritisiert, dass dauerhafte Störungen und Abschüsse Wolfsfamilien unter chronischen Stress versetzen und stören ihre soziale Struktur. Die Folge könne sein, dass sie mehr Risiken eingingen und sichtbarer würden – also genau jenes Problem verursachen, das die Abschuss-Politik verringern möchte.

Der Autor stellt auch die Zahl der Risse von Nutztieren in einen anderen Zusammenhang. Die mehr als 1000 gerissenen Schafe seien im Vergleich zu 56.838 gestorbenen Schafen (2024) „fast marginal“. Ins Treffen führt Dettling schließlich, dass eine sich verändernde Rhetorik indirekt die Breite der Legitimation für Wilderei vergrößere.


Mehr:

web-link Der Wolf in Österreich https://baer-wolf-luchs.at/verbreitungskarten/wolf-verbreitung/

web-link Wolfsterritorien in Deutschland 

web-link Verbreitung des Wolfs in der Schweiz 

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