Täglich fließen im Rhein 5,9 Tonnen Müll durch Köln. Das zeigt eine Studie, die gestern veröffentlicht worden ist.
Es ist mehr als 38 Jahre her, dass Klaus Töpfer in den Rhein sprang – zwei Jahre, nachdem der Fluss durch einen Unfall bei „Sandoz“ mit 1.350 Tonnen Chemikalien verschmutzt worden war. Die ökologische Katastrophe, die fast den gesamten Bestand an Aalen vernichtet hatte, wurde zum Auftakt einer konsequenteren Umweltpolitik.
1988 ein Sprung ins Wasser
Als Klaus Töpfer – in Neopren-Anzug und mit Flossen – am 14. September 1988 bei Kilometer 495 in den Rhein sprang, stand allerdings nicht die Verbesserung des ökologischen Zustands des Flusses im Mittelpunkt (was ihm immer wieder angedichtet worden war), sondern schlicht das Einlösen einer verlorenen Wette.

Umstritten war Töpfers Sprung ins Wasser bei Kollegen in der CDU ebenso wie bei Politikerinnen und Politikern anderer Fraktionen. Trotz alledem gelang es Töpfer, in den kommenden Jahrzehnten eine kräftige Stimme im Umweltschutz zu werden und den Schutz der Flüsse zu propagieren (nicht nur).
Jetzt, 38 Jahre später, sorgt kein Sprung in den Strom für Schlagzeilen, sondern eine Studie, die die Universitäten Bonn und Tübingen gemeinsam mit der Bundesanstalt für Gewässerkunde und dem Kölner Verein K.R.A.K.E. durchgeführt haben. Die Abkürzung steht für „Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit“. Dieser Verein hat im Wesentlichen die Feldarbeit erledigt, die ein anderes Bild der Verschmutzung des Rheins zeichnet, als man es bisher hatte.
Wesentliches Element dieser Kooperation, die 2022 gestartet worden ist: der „RheinKrake“. Dies „ist ein schwimmender Anleger bzw. eine Müllfalle mit einem nach vorne geöffneten Fangkorb. Der Fangkorb ist drei Meter breit und 80 Zentimeter tief“, berichtet Kai Hirsch, der technische Leiter des Projekts. Das Schiff deckt etwa ein Prozent des Rheins in Köln ab und ist nördlich der Köllner Zoobrücke fest verankert – ungefähr 195 Flusskilometer von jener Stelle entfernt, an der Töpfer in den Rhein gesprungen ist.
16 Monate Müll analysiert
Leandra Hamann, Forscherin am Bonner Institut für Organismische Biologie der Universität Bonn berichtet, dass bisher vor allem aus der Zahl der vorbeischwimmenden Müllteile auf das Ausmaß der Verschmutzung rückgeschlossen worden sei. „Man kann sich leicht vorstellen, dass bei dieser Methode weniger auffällige oder tiefer schwimmende Teile nicht erfasst werden. Jetzt nutzen wir eine genauere, kontinuierliche Langzeitmethode“, so Hamann, die mittlerweile an die University of Alberta im kanadischen Edmonton gewechselt ist.
Hamann hat gemeinsam mit Katharina Höreth (Institut für Geographie der Uni Bonn), Nina Gnann (Geowissenschafterin der Universität Tübingen) und dem Verein K.R.A.K.E. ein einmaliges bürgerwissenschaftliches Projekt gestartet: Die Wissenschaftlerinnen und Freiwillige des Vereins haben 16 Monate hindurch im Rhein treibenden Müll systematisch gesammelt und klassifiziert.
Überraschende Ergebnisse
Zwischen September 2022 und Jänner 2024 wurden so 20.339 Makromüllteile neun verschiedener Materialarten gesammelt und nach internationalen Standards in 183 Müllarten klassifiziert. Hochgerechnete auf das Gesamtvolumen werden durch den Rhein täglich 53.000 Müllteile geschleppt. Jährlich entspricht dies einem Gesamtgewicht von 2169 Tonnen.
Eine Hochrechnung ergibt eine Müllfracht von bis zu 3391,8 Tonnen Müll pro Jahr. Hamann: „Auf den gesamten Rhein hochgerechnet, liegen wir damit um das 22- bis 286-fache höher als bisherige Schätzungen aus anderen Studien.“
Mehr als zwei Drittel Plastik
Und weiter: „70 Prozent der Makromüllteile sind Kunststoffe, die allerdings nur 15 Prozent des Gewichts ausmachen – was zeigt, dass auch andere menschengemachte Materialien wie Textilien, Glas oder Keramik die Gewässer belasten.“
Hauptquelle des Makromülls seien überwiegend Dinge, die von privaten Verbraucherinnen und Verbrauchern genutzt werden. In erster Linie sind es Einwegprodukte. Und wenn der Flusspegel steigt, dann wächst auch die Müllmenge, weil zurückgelassener Müll aus dem Uferbereich ausgespült wird. So fließen täglich etwa 5,9 Tonnen Müll stromabwärts.
- 69,7 % der Makro-Müllteile sind Kunststoffe, die 15 % des Gewichts ausmachen.
- 14,9 % Holz
- 5,7% Glas und Keramik
- 2,6% Papier und Pappe
- 2,6% Metall
- 1,6% Gummi
- 1,6% Chemikalien
- 0,8% Essensreste
- 0,5% Textilien

(c) Leandra Hamann
40% sind Einwegprodukte, bei mehr als der Hälfte davon handelt es sich um Kunststoff.
- 56% des Mülls kommt von privaten Verbrauchern, dabei handelt es sich bei
- 18% der Gegenstände um Getränkebehälter
- 5,9% des Mülls ist der Industrie zuzuordnen.
Die Müllfracht besteht außerdem aus
- 548.000 Plastikflaschen (kleiner als 0,5 Liter), davon sind
- 382.000 Pfandflaschen,
- 113.000 davon von Coca-Cola
- 382.000 Pfandflaschen,
- 138.000 kleine Schnaps-Plastikflaschen ohne Pfand.
- 222.000 Plastikflaschen (größer als 0,5 Liter), von denen
- 211.000 (95%) Pfandflaschen sind und
- 42.000 von Coca-Cola stammen.
- 211.000 (95%) Pfandflaschen sind und
- 1.400.000 Glasflaschen, von denen
- 370.000 (26%) Pfandflaschen und
- 308.000 Bierflaschen sind,
- 429.000 (30%) der Flaschen sind Wein- oder Sektflaschen,
- 339.000 (24%) der Flaschen sind kleine Schnapsflaschen,
- 187.000 (13%) sind große Schnapsflaschen
- 100.000 kleine und große Glas-Schnapsflaschen sind von „Jägermeister“
- 370.000 (26%) Pfandflaschen und
- 1.170.000 Verpackungen von Süßigkeiten
- 428.000 Feuerzeuge
- 63.000 Schuhe
- 56.000 Capri Sun (oder ähnliche Produkte)

(c) Simon Taal
Der Verein, der im April 2017 startete und im Juni 2024 als Umweltverband anerkannt worden ist, fordert, dass „die Bezirksregierung Köln dem Bundesverkehrsministerium als Eigentümer der Bundeswasserstraße klare Vorgaben setzen muss und der Bund muss endlich Verantwortung für die Sauberkeit des Rheins zu übernehmen hat. Der Ausstieg aus der Vermüllung der Flüsse, Meere und der Natur muss eingeleitet werden. Hierfür benötigen wir Grenzwerte (z.B. wie bei Nord- und Ostsee [OSPAR & HELCOM]), ein Monitoring und effektive Maßnahmen zur Vermeidung sowie zum Einsammeln benötigt.“
Mehr:
- web-link Die Rhein-Studie






























































