Klima-Forscher streichen zwei Szenarien

(c) Pixabay

Die Annahme des stärksten Rückgangs und der größten Steigerung von Treibhausgasen in der Atmophäre werden als nicht mehr wahrscheinlich angesehen. Wer darin eine Entwarnung sieht, irrt.

Das Um und Auf von Forschungen und Modell-Erstellungen sind Bündel von Annahmen, die auf den Daten der Vergangenheit und Gegenwart aufbauen und die weiteren Entwicklungen auf kommende Jahrzehnte ausrollen. Wesentliche „Zutaten“ für derartige Modelle sind zunächst einmal die physikalischen Fakten (etwa die Verweildauer von Treibhausgasen in der Atmosphäre oder chemische Reaktionen) und dann auch politische Absichtserklärungen (von unverbindlichen Versprechen bis hin zu verpflichtenden internationalen Abkommen). Dadurch entsteht eine große Fülle von Daten, die in unterschiedlichen Szenarien zusammengefasst werden.

Solche Klima-Szenarien werden von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des „World Climate Research Programme“ erstellt – seit mehr als drei Jahrzehnten. Nun haben der niederländische Klimaforscher Detlef van Vuuren und 42 weitere Klima-Expertinnen und -Experten eine Arbeit bei einer Publikation der „European Geosciences Union“ veröffentlicht (The Scenario Model Intercomparison Project for CMIP7 (ScenarioMIP-CMIP7)), in der die Annahmen und die tatsächliche Entwicklung miteinander verglichen werden.

Overshoot unvermeidbar, Kohle-Verfeuerung geringer

Die Autorinnen und Autoren schlagen nun sieben Szenarien vor. Zwei Szenarien – das mit den geringsten Emissionen von Treibhausgasen und der geringsten Erhöhung der Durchschnittstemperatur und jenes am anderen Ende der Skala (höchste Emissionen und Erwärmung) – sind nicht mehr dabei. Sie werden als nicht „wahrscheinlich“ bezeichnet – bezogen zunächst auf das Jahr 2100.

Die eine Annahme läuft darauf hinaus, dass ein Temperatur-Overshoot vermieden werden kann, die andere, dass die Erwärmung 3,5 Grad übersteigt. Das Ausscheiden dieser beiden Szenarien hängt mit den Emissions-Entwicklungen zusammen – für das Erreichen des 1,5 Grad-Zieles (aufgrund des Pariser Abkommen) werden die zur Verfügung stehenden Emissions-Budgets zu wenig konsequent eingehalten. Dass die Atmosphäre sich um mehr als 3,5 Grad erhöht, ist nicht wahrscheinlich, weil die die Kohle-Verfeuerung nicht in dem Maß erfolgte, wie dies ursprünglich angenommen worden war.

Es gibt allerdings einen Unsicherheitsfaktor in allen Szenarien – Rückkoppelungen der natürlichen Kreisläufe und Systeme, die in der Debatte „Kipppunkte“ genannt werden. Sie können bewirken, dass durch das Zusammenkommen mehrerer Faktoren sich natürliche Klima-Entwicklungen beschleunigen.

„Eine gängige Praxis“

Die Anpassung der Szenarien war Wasser auf die Mühlen von jenen, die den menschlichen Einfluss auf das Klima in Abrede stellen und der Wissenschaft „Alarmismus“ vorwerfen. Das führte zu einer „Aktuellen Stunde“ im Deutschen Bundestag am Mittwochnachmittag, die von der rechten „Alternative für Deutschland“ (AfD) verlangt worden ist. Für diese Partei spricht Karsten Hilse vom „größten Betrug, der jemals an der Menschheit begangen wurde“, der nun „zu Ende geht.“ Die AfD thematisiert ausschließlich das Szenario mit der höchsten Erwärmung, nicht auf jenes mit der geringsten, die ebenfalls gestrichen wurde. Hilse meint: „Das Klima lässt sich nicht schützen“.

Mark Helfich (CDU/CSU) hält dagegen: „Es ist gängige Praxis, dass führende Klimaforscher regelmäßig ihre Berechnungen und Klimaszenarien aktualisieren.“ Und: „Die Staatengemeinschaft darf in ihren Anstrengungen nicht nachlassen, um den Temperaturanstieg zu begrenzen. Auch eine weniger extreme Erderwärmung hat massive Auswirkungen auf unsere Lebensgrundlagen.“

„Es gibt keine Entwarnung“

Julia Schneider (Büdnis 90/Die Grünen) formuliert diesen Gedanken drastischer: „Stellen Sie sich einen schwerkranken Patienten vor, im Krankenhaus. Die Ärzte beginnen sofort mit einer intensiven Behandlung. Der Patient ist zwar immer noch ernsthaft krank, aber die Behandlung schlägt an. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient stirbt, die sinkt. Genau in diesem Moment kommt jemand herein und sagt: Na also, war doch alles gar nicht so schlimm, dann können wir die Behandlung ja abbrechen. Genau so argumentieren diese Menschen hier rechts in der heutigen Aktuellen Stunde.“

Jakob Blankenburg (SPD): „Es gibt keine Entwarnung. Denn selbst nach dieser Korrektur bleiben bis zu 3,5 Grad Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts möglich.“

Immer wieder versuchen AfD-Abgeordnete die jeweiligen Redner anderer Parteien mit Zwischenfragen aus dem Konzept zu bringen. Solche Zwischenfragen werden allerdings nicht zugelassen. So sagt Blankenburg etwa: „Die AfD war heute schon so laut und hat auch schon so viel Blödsinn erzählt, dass ich ehrlicherweise finde, sie haben schon genug geredet und von daher lehne ich diese Zwischenfrage ab.“

„Nichts zu tun ist keine Option“

Und inhaltlich ergänzt Blankenburg: „Es ist längst klar, dass nichts zu tun keine Option ist und auf kurz oder lang den Untergang bedeutet. Deshalb haben wir uns als Weltgemeinschaft seit dem ersten Bericht des Weltklimarats im Jahr 1990 auf den Weg gemacht, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren und zu begrenzen. Und das mit Erfolg. So ist es gelungen, dass das absolute Worst-Case-Szenario des Nichtstuns und den damit verbundenen prognostizierten Temperaturanstieg zu vermeiden. Das ist eine gute Nachricht, liebe Kolleginnen und Kollegen.“

Fabian Fahl (Die Linke): „Wenn die Feuerwehr gerufen wird, um ein brennendes Haus zu löschen, diese vor Ort aber sieht, dass bisher nur der Dachstuhl brennt, dann fährt die Feuerwehr auch nicht nach Hause.“

Dagegen sagt AfD-Abgeordneter Ingo Hahn: „Das wird den Menschen seit Jahren eingeredet: Die Temperatur werde bis Ende des Jahrhunderts weltweit um über 5 Grad ansteigen, so die Auftragsforschung und die Mainstream-Medien im Gleichlaut.“ Und: „Frost und Schnee gibt es immer noch. Im letzten Winter sogar mit 56 Frosttagen am warmen Rhein und mit 25 Zentimeter Schneedecke im milden Hamburg.“

„Menschen profitieren vom Klimaschutz“

Nina Scheer (SPD): „Die AfD zelebriert heute ein weiteres Mal, wie wirklichkeits- und wissenschaftsverleugnend sie aufgestellt ist….. Sie machen eine wissenschaftsverleugnende Widerspruchspolitik.“

Michael Kellner (Bündnis 90/Die Grünen): „Der Meeresspiegel steigt stärker an. Die Gletscher, die für die Trinkwasserversorgung von Millionen von Menschen so wichtig ist, schmelzen ab. Wir sehen doch, dass die Gipfel in den Alpen zusammenbrechen. Wir sehen doch, wie Dürren zunehmen und unsere Landwirtschaft bedrohen. Und ehrlicherweise, von Klimaschutz profitieren doch die Menschen. Das macht auch was mit der Gesundheit, wenn nicht die stinkigen Dieselautos durch die Städte fahren, sondern saubere E-Autos. Das ist Klimaschutz, ist Menschheitsschutz und erschafft noch Jobs für die Zukunft. Jedes Jahr 5% Wachstum in Greentech.“


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