Was sagen die schwankenden Absatzmengen tatsächlich über die Belastung der Böden durch Pestizide aus? Die „news330“-Recherche liefert die Antwort.
Nach zwei Jahren des Durchtauchens legt die Branche für Agrochemikalien nun kräftig zu: Im Jahr 2024 wurden in der EU um acht Prozent mehr Pestizide verkauft. „Eurostat“ hat dazu vor kurzem eine entsprechende Statistik veröffentlicht.
Mehr als 335.000 Tonnen wurden verkauft
Demnach haben vier Länder im Jahr 2024 am stärksten zugelegt. Es sind auch die Mitgliedsstaaten mit den größten Landwirtschafts-Sektoren in West- und Mitteleuropa.
- Frankreich verzeichnet ein Plus von 22%,
- Spanien 19%,
- Deutschland 14%,
- Italien 13%.
Über einen längeren Zeitraum sehen die Verkaufszahlen allerdings anders aus. Zwischen 2011 und 2024 sanken die Verkaufsmengen um 12%. In absoluten Zahlen: 2011 wurden in der EU 351.000 Tonnen an Pestiziden verkauft. In den 21 Mitgliedsländern, in denen entsprechende Statistiken auch erfasst werden, haben sich die Verkaufsmengen allerdings unterschiedlich entwickelt. In 14 Staaten gingen zwischen 2011 und 2024 die Verkaufsmengen zurück, und zwar am stärksten in
- der tschechischen Republik um 44%
- Italien um 43%,
- Irland um 42%,
- Portugal um 40%.
In sieben Ländern wurde ein deutliches Plus verbucht, am stärksten in diesen Ländern:
- Lettland um 68%
- Österreich um 52% und
- Litauen um 35%
Insgesamt wurden 2024 insgesamt 335.590 Tonnen Pestizide verkauft.
Keine Entwarnung auf dem Acker
Diese Verkaufszahlen sind allerdings nur bedingt aussagekräftig und jedenfalls kein Hineis auf eine geringer werdende Belastung der Ökologie durch Agrochemikalien. Denn unter dem Begriff „Pestizid“ werden sowohl in der Natur vorkommende als auch synthetisch-chemisch erzeugte Pflanzenschutzmittel verstanden.
Die chemische Industrie, die solche synthetisch-chemische Mittel erzeugt, produziert ausschließlich für die herkömmliche Landwirtschaft. Hier gibt es seit langem die Tendenz, dass die für den Acker zugelassenen Mittel geringere Mengen, aber dafür höher konzentrierte Wirkstoffe enthalten, die den gleichen oder sogar höheren Effekt in der Ökologie haben.
Nervengift statistisch besser als Rapsöl
Bei den Substanzen, die in der Natur vorkommen und für die Bio-Landwirtschaft zugelassen sind (aber auch in der herkömmlichen Landwirtschaft eingesetzt werden – etwa Schwefel, Kupfer, Raps- oder Sonnenblumenöl), gibt es diesen Trend zu höheren Konzentrationen nicht. In der Bio-Landwirtschaft wird – trotz Genehmigung – nur im Ausnahmefall auf natürliche Pestizide zurückgegriffen. 90 Prozent der Bio-Flächen kommen ohne den Einsatz von natürlich vorkommenden Pestiziden aus.
Helmut Burtscher-Schaden, Biochemiker der Umweltorganisation „Global 2000“: „Aggregierte Wirkstoff-Verkaufszahlen haben nur sehr geringe Aussagekraft und können zu irreführenden Interpretationen führen. Ein Umstieg von weniger gefährlichen Pestiziden (z.B. Rapsöl zur Blattlausbekämpfung im Biolandbau) auf gefährlichere Pestizide (z.B. das Nervengift Deltamethirn, das konventionell denselben Zweck erfüllt), würde sich in der Statistik extrem „positiv“ im Sinne eines Rückgangs der Verkaufsmenge in Kilogramm äußern. Denn der Einsatz von Rapsöl wird mehr als 1000 mal stärker gewichtet als der von Deltamethrin, wenn man nur die Menge (und nicht die damit behandelbare Fläche) berücksichtigt.“
„Toxizität hat erheblich zugenommen“
Der biologische Impact steige – durch die höhere Toxizität. Derartige Aussagen sind durch Studien belegt. Etwa jene, die im Frühjahr 2021 in „Science“ veröffentlicht worden ist. Lead Autor ist Ralf Schulz, der mit drei weiteren Kollegen am Institut für Umweltwissenschaften an der Universität Koblenz-Landau die Veränderungen beim Einsatz von 381 Pestiziden über 25 Jahre untersucht hat.
Dabei wurden 1.591 substanzspezifische Schwellenwerte für die akute Toxizität für acht Nichtzielartengruppen berücksichtigt. „Wir stellen fest, dass die Toxizität ausgebrachter Insektizide für aquatische Wirbellose und Bestäuber – im deutlichen Gegensatz zur ausgebrachten Menge – erheblich zugenommen hat.“
Über die Situation in Österreich hat die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage im Dezember des Vorjahres interessante Informationen zutage gefördert. Burtscher-Schaden: „Die mit Bio-Pestiziden behandelte Fläche liegt bei rund 5% und hat sich seit 2010 nicht ganz verdoppelt (von 200.000 ha auf 375.000 ha). Die Gesamtfläche der biologisch bearbeiten Bodens beläuft sich auf knapp 700.000 Hektar.
Zweifel, ob Schutzniveau erhalten bleibt
Und weiter: „Substitutionskandidaten haben sich auf deutlich höherem Niveau verdoppelt (von rund 1,4 Mio ha auf 2,8 Mio ha) und PFAS-Pestizide von rund 0,5 Mio ha auf 1,5 Mio ha in der Anwendungshäufigkeit sogar verdreifacht.“
Vor diesem Hintergrund wendet sich die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina mit wissenschaftlichem Nachdruck an die die EU, die Zulassungsbestimmungen für Pestizide nicht zu lockern. In der vier-seitigen Stellungnahme wird bezweifelt, dass angesichts einer Reform, die unter anderem eine unbefristete Wirkstoffgenehmigung vorsähe, „das bisherige Schutzniveau gewahrt bleiben kann“. Denn nicht umsonst seien seit Inkrafttreten der Verordnung im Jahr 2009 die Zulassungen von mindestens 165 Wirkstoffe widerrufen worden.
„Vernachlässigung neuer Erkenntnisse“
„Der vorgesehene Verzicht auf die routine-mäßige 10-Jahres-Überprüfung vernachlässigt neue Erkenntnisse zur Exposition des Menschen.“ Und: „Die aktuelle Pflanzenschutzmittelzulassung weist bereits heute Defizite beim Schutz von Mensch und Umwelt auf. Dazu gehören unter anderem die unzureichende Berücksichtigung von Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Pflanzenschutzmitteln, die nach der Ausbringung entstehen (Spritzfolgen, Verweildauer im Boden etc.), sowie zusätzlicher Stressoren wie z.B. klimatische Bedingungen.“
Schlussendlich werden fünf zentrale Punkte vorgeschlagen, um die Situation zu verbessern:
- Die periodische Neubewertung von Wirkstoffen und relevanten Grenzwerten sollte erhalten bleiben. Nur so kann neues Wissen systematisch in die Bewertung der sicheren Anwendung einfließen.
- Regulatorische Verfahren auf EU-Ebene sollten stärker harmonisiert, klar strukturiert, effizient und gleichzeitig transparent organisiert werden.
- Die Beurteilung von Wirkstoffen in verschiedenen Regelwerken sollte vereinheitlicht werden, um eine konsistente Bewertung zu gewährleisten (derzeit ist z.B. Difenoconazol jeweils als Pflanzenschutzmittel und als Biozid registriert, daher prüft die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Risiken bei Agraranwendung und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) Risiken für Biozidnutzung).
- Nach der Zulassung sollte ein systematisches Umweltmonitoring eingeführt werden.
- Die EU sollte zusätzliche Maßnahmen auf den Weg bringen, um Transformationsprozesse im Pflanzenbau zu beschleunigen (z.B. die Förderung von biologischen und weiteren alternativen Wirkstoffen und alternativen Züchtungs- und Anbaumethoden, die möglichst wirksam sind und gleichzeitig möglichst wenig Nichtzielwirkung haben).
Mehr:
- news330- link Ewigkeitschemikalie TFA als toxisch eingestuft
- news330-link Verwässern, entschärfen, deregulieren
- web-link Die Statistik von Eurostat
- web-link Studie: Applied pesticide toxicity shifts toward plants and invertebrates, even in GM crops
- web-link Anfragebeantwortung vom 1.12.2025
- web-link Leopoldina: Geplante Änderung der Zulassung von Pflanzenschutzwirkstoffen – Vorschläge der EU-Kommission verringern das Schutzniveau für Mensch und Umwelt




























































