Warum Klimawandel den Atom-Reaktoren gefährlich wird

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Auch wenn der Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in den Tiefen des Kalenders verschwunden sein mag, so bleiben auch 40 Jahre nach dem verheerenden Unfall Bedenken, die in die Zukunft wirken.

Der Blick zurück währte nicht allzu lange, die Zeitzeugen von 1986 haben sehr rasch Schlaglichter auf Gegenwart und Zukunft gerichtet. Den kalendarischen Anlass lieferte ein Ort im Norden der damaligen sozialistischen Sowjetrepublik, heute der unabhängigen und von Russland seit Februar 2022 angegriffenen unabhängigen Republik Ukraine: Tschernobyl. Der Name ist seit dem 26. April 1986 zum Synonym für das Verheddern technischen Versagens mit menschlichen Fehlern geworden und für die Tragweite, die ein Unfall in einem Atomkraftwerk haben kann.

Drei Viertel der AKW sind veraltet

In einer Veranstaltung zur 40. Wiederkehr jenes 26. April haben Expertinnen und Experten nicht nur die Ereignisse von damals Revue passieren lassen. Helga Kromp-Kolb, Klimawissenschaftlerin und emeritierte Professorin am Institut für Meteorologie und Klimatologie der Universität für Bodenkultur in Wien, weist in ihrem Vortrag darauf hin, dass von den 408 Atomkraftwerken, die derzeit weltweit in Betrieb sind, 300 vor dem Jahr 2000 in Betrieb gegangen sind.

Das bedeutet auch, dass die Genehmigung dieser Anlagen auf den klimatischen Bedingungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beruhen – insbesondere, wenn in Betracht gezogen wird, dass vor der Inbetriebnahme eines Atomkraftwerks Jahrzehnte vergehen, ehe das Design und die Technik des AKW am Reißbrett entwickelt, die Planungen abgeschlossen und schließlich der Bau fertiggestellt ist. Direkte Auswirkungen hat dies etwa für die Kühlung und die Verfügbarkeit von Wasser.

Liste der Klimarisiken

Kromp-Kolb: „Das Durchschnittsalter der AKW liegt bei mehr als 31 Jahren.“ Die Wissenschaftlerin präsentierte auch eine Übersicht jener Risiken für AKW, die durch den Klimawandel verursacht werden (erstellt wurde diese Liste von der – als atomfreundlich geltende – Atomaufsicht der USA).

  • Hitze kann Kühlsysteme beeinträchtigen
  • Kühlwasser kann sich erhitzen, Verfügbarkeit von Wasser kann sich verringern
  • Bei Waldbränden können Stromleitungen beschädigt werden
  • Überschwemmungen können das Kühlsystem beschädigen
  • Wirbelstürme können das Atomkraftwerk und die Stromleitungen beschädigen
  • Steigende Meeresspiegel können wetterbedingte schädliche Auswirkungen auf AKW verschlimmern
  • Extreme Kälte können das Einfrieren von Teilen des AKW und der Stromleitungen beeinträchtigen.

Nicht mehr als ein Nischen-Dasein

Kromp-Kolb verweist in der Veranstaltung in den historischen Gemäuern des nunmehrigen „Ministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft“ auch darauf, dass – jenseits aller Beteuerungen einer behaupteten „AKW-Renaissance“ – die Atomkraft in Wirklichkeit ein Nischen-Dasein friste. 2024 liefern Atomkraftwerke lediglich neun Prozent der Elektrizität, die weltweit produziert wird. Seit einem Höchstwert von 17,5 % im Jahr 1996 ist es in den vergangenen 30 Jahren stetig bergab gegangen.

Nikolaus Müllner, Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risiko-Forschung an der Boku, streicht in seinem Vortrag die hohe Komplexität von Atomkraftwerken hervor. Deshalb sei es praktisch unmöglich, alle Szenarien auszuschließen, die zu einem Unfall führen können. Nicht zuletzt deshalb sei es mehr als hinterfragenswert, mit der Atomkraft auf eine Technologie zu setzen, die keine Fehler verzeihe. Vor allem auch angesichts der Verfügbarkeit von ausreichend Erneuerbaren Energien.

„Sind wir heute sicherer als 1986?“

Andreas Molin, ehemaliger Leiter der Nuklearkoordination Österreichs, weist darauf hin, dass nach Tschernobyl, aber auch nach dem verheerenden AKW-Unfall in Fukushima, die Transparenz und die Möglichkeiten der Partizipation in atomrechtlichen Verfahren gewachsen seien. Auch in den Atomkraftwerken selbst wurden zahlreiche sicherheitsrelevante Maßnahmen verwirklicht.

Molin: „Aber bevor wir über Änderungen im Bereich der nuklearen Sicherheit seit 1986 sprechen, müssen wir klären, was nukleare Sicherheit überhaupt bedeutet. Denn neben der technischen Anlagensicherheit (Auslegung, Wartung, Instandhaltung) geht es auch um Sicherheitskultur (Aus- und Weiterbildung des Personals). Sind wir also heute sicherer als 1986? Diese Frage will ich offen lassen. Denn das Durchschnittsalter der Reaktoren liegt bereits beträchtlich über den ursprünglichen Annahmen. Anlagenteile altern und werden damit auch störungsanfälliger. Dazu kommt der große ökonomische Druck, unter dem die Betreiber von Kernkraftwerken in liberalisierten Märkten stehen.“

Atomare Abhängigkeiten

Jürgen Schneider, im Ministerium Leiter der Sektion Umwelt und Klima, weist darauf hin, dass Atomkraftwerke Risikoanlagen und nicht wirtschaftlich seien: „Weltweit ist kein AKW ohne öffentliche Unterstützung unter Marktbedingungen errichtet worden.“ Dazu kommt noch, dass Atomindustrie Abhängigkeiten schaffe – Uran werde lediglich in wenigen Ländern abgebaut und die Vorkommen der Rohstoffe sind endlich.


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