„Wir müssen den Schatten erhalten“

(c) Pixabay

Österreichs Wälder sollen besser geschützt werden, fordern Umweltschützer. Erstmals wird eine österreichweite Karte vorgelegt, in denen mögliche Schutzzonen ausgewiesen sind.

Auf den ersten Blick sieht’s gut aus: Fast halb Österreich ist bewaldet. Aber: Bei genauerem Hinschauen differenziert sich dieses Bild. Erste starke Anzeichen dafür zeigen sich, indem die Ökosystemleistungen des Waldes abnehmen – dadurch erhöhen sich die Kosten, die in den Budgets für die öffentliche Hand und sehr oft auch bei Waldbesitzer entstehen können. Etwa dadurch, dass weniger Wasser gespeichert wird, Grundwasser mit weniger sauberem Wasser angereichert wird, die Folgen von Unwettern in geringerem Ausmaß abgedämpft werden oder indem weniger Kohlendioxid aus der Atmosphäre gebunden wird.

Wie geht es dem Wald?

Vor diesem Hintergrund haben die Umweltorganisation „Global 2000“ und Wald-Experte Matthias Schickhofer die Daten genauer betrachtet und eine Antwort auf die Frage gesucht: „Wieviel Wald könnte – und sollte – unter Schutz gestellt werden?“

Dafür gibt es keine einfache Antwort, wenn man dabei über die Kernzonen der Nationalparks hinausblickt. In einer Analyse des österreichischen Waldes im Jahr 1998 wurden

  • drei Prozent als „natürlich“,
  • weitere fünf Prozent als „sehr naturnah“ definiert;
  • 13 weiteren Prozent wurde eine gewisse Naturnähe zugesprochen,
  • die übrigen Flächen sind mäßig und stark verändert.

Europa-Schutzgebiete (Natura 2000) scheiden dabei nicht gut ab: „Denn Wälder in diesen Schutzgebieten sind nur zu einem Fünftel in einem günstigen Erhaltungszustand“, berichtet Dominik Linhard, Biodiversitätssprecher von Global 2000.

„Naturschutz ist kein Hobby“

Die Waldinventiur vergangener Jahre habe auch gezeigt, dass intensivere Nutzung zunehme

  • 1992 bis 1996: 71% des Zuwachses werden genutzt
  • 2000 bis 2002: 60%
  • 2007 bis 2009: 85%
  • 2016 bis 2021: 89%
  • 2018 bis 2023: 97%

„Es besteht kein Zweifel, dass sich Österreich zu seinem Kulturerbe bekennt. Es wird niemand auf die Idee kommen, den Stephansdom abzureißen und ihn zu Rollsplit zu verarbeiten, nur weil man vielleicht gerade Rollsplit benötigt“, meint Matthias Schickhofer. „Naturerbe zu schützen sollte ebenso selbstverständlich sein.“ Denn, es sei „kein Hobby, die Natur zu schützen“. Derzeit sei es allerdings so, dass das Naturerbe teilweise „scheibchenweise“ verschwindet – wenn es, etwa im Yspertal flächige Fällungen“ gebe. Er bezeichnet die Naturschutzbudgets der Länder als „lächerlich gering“, so mache es in Niederösterreich gerade einmal 0,1% des Landesbudgets aus.

Brokkoli ist ein guter Hinweis

Deshalb wurde gemeinsam mit Anna Iglseder, Forscherin ander Technischen Universität Wien, eine Karte erstellt, die die „Naturschutz-Verdachtsflächen“ zeigt – jene Gebiete also, die noch nicht unter Schutz stehen, es aber sollten.

Als Basis wurden unter anderem der Waldatlas, Luftbilder, Gebietsbesuche oder Informationen von Expertinnen und Experten herangezogen. Wenn etwa das Luftbild aussehe „wie Brokkoli, dann ist das ein guter Hinweis, dass es sich hier um einen sehr naturnahen Wald handelt“. Ein weiterer Indikator ist, wenn ein Gebiet nicht von Forststraßen durchschnitten wird.

Auf diesem Weg ist eine Fläche von 2.945,6 Quadratkilometer enstanden, die als „sehr naturnahe“ Waldgebiete definiert werden. Ein nochmaliger Abgleich mit der explizit als Wald ausgewiesenen Fläche, ließ diese „Naturschutz-Verdachtsflächen“ auf 2.707 km² schrumpfen.

„Da geht’s um uns’re Heimat“

Diese Gebiete liegen überwiegend in den alpinen Regionen und 84% davon sind in Schutzwäldern – werden also nicht wirtschaftlich genutzt. 163 km² sind validierte naturnahe Waldflächen, 2.544 km² sind so genannte „Verdachtsflächen“ – den größten Anteil daran haben die Bundesländer Tirol, Steiermark und Salzburg.

Die Aufteilung auf die Bundesländer sieht im Detail so aus:

  • Burgenland: 4,2 km² Naturwald-Verdachtsflächen (0,3 % der Waldfläche)
  • Kärnten: 340,7 km² (6,1 %)
  • Niederösterreich: 203,0 km² (2,6 %)
  • Oberösterreich: 302,7 km² (6,1 %)
  • Salzburg: 420,8 km² (12,2 %)
  • Steiermark: 562,5 km² (5,6 %)
  • Tirol: 734,3 km² (14,2 %)
  • Vorarlberg: 129,4 km² (13,3 %)
  • Wien: 9,1 km² (10,9 %)

Schickhofer: „Diese von uns erstellte Karte ist natürlich nicht fehlerfrei. Wir werden jetzt mit den Naturschutz-Abteilungen Kontakt aufnehmen und konkrete Gespräche führen. Klar ist: Wir brauchen deutlich höhere Budgets für den Naturschutz; wir brauchen Naturwälder – nur die können uns die Ökosystemleistungen bringen, die wir dringend benötigen. Da geht’s um uns’re Heimat!“ Es sei notwendig zu verhindern, dass Löcher in Wälder geschlagen werden. „Wir müssen den Schatten erhalten.“

„Adäquate Entschädigung ist nötig“

Die erste Karte dieser Schutzgebiete wird nicht hochauflösend präsentiert – „Damit wollen wir vermeiden, dass sich die Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer übergangen fühlen“, so Schickhofer, „denn klar ist: Es muss für sie, die diese Gebiete in diesem sehr naturnahen Zustand belassen haben, eine adäquate Entschädigung geben. Wir brauchen also die entsprechenden Budgets dafür.“ Wie viel? „Zuimindest eine Biodivrsitäts-Milliarde.“

Dazu hat „Global 2000“ vor gut zwei Monaten ein Rechtsgutachten präsentiert, dass Österreich verpflichtet ist, den Wald zu schützen. Studien-Autorin Cornelia Ziehm: „Das geltende Recht misst Primär- und Altwäldern eine herausragende Bedeutung für den Schutz unserer Lebensgrundlagen zu. Der deshalb erforderliche strikte Schutz ist im Sinne eines grundsätzlichen Ausschlusses forstwirtschaftlicher Maßnahmen in Primär- und Altwäldern sowohl inner- als auch außerhalb von bereits existierenden Europaschutzgebieten zu gewährleisten.“


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