Grenzwerte überschritten, aber – noch – keine unmittelbare Gefahr

(c) Pixabay

In Österreich gibt es kein Trinkwasser ohne PFAS-Belastung. Aber: Im Augenblick gibt es keine unmittelbare Gefährdung. Umweltmediziner Hutter: „Jetzt ist noch Zeit zu handeln.“ Unterdessen gibt es Proteste gegen Pestizid-Exporte nach Südafrika.

Die beinahe fünffache Überschreitung reicht schon für den ersten Platz: Mit einer Konzentration von 0,46 Mikrogramm TFA (Trifluoressigsäure) im Grundwasser ist Tirol mit Abstand jenes Bundesland, das am wenigsten an Belastung abbekommt.

Gesundheitskosten: Bis zu 84 Milliarden

Das zeigt eine Test-Serie, deren Ergebnisse die Umweltorganisation „Global 2000“ nun präsentiert. TFA ist ein Abbauprodukt von PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen). Im Kreuzfeuer der Kritik stehen da vor allem Pestiziden, die PFAS enthalten.

Bei PFAS handelt es sich um Tausende von chemischen Verbindungen, die sich akkumulieren. Sie sind sehr mobil und nur sehr schwer bis gar nicht abbaubar. Deshalb werden PFAS auch als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet. Der nordische Rat (eine Plattform der skandinavischen Länder) beziffert die Kosten für die durch PFAS verursachten Gesundheitsfolgen mit 52 bis 84 Milliarden Euro.

Das Zehnfache des Vorsorgewertes

Helmut Schaden-Purtscher: „Insgesamt zeigt sich, dass die Konzentrationen, die wir gefunden haben, alles in den Schatten stellt, was behördliche Trinkwasseruntersuchungen bisher an Pestizid- oder PFAS-Belastungen gezeigt haben. Das ist aus Vorsorgeperspektive ein klares Warnsignal.“

Die 55 Proben wurden in einem Citizen Science-Projekt gesammelt. Die durchschnittliche Konzentration wurde mit einem Mikrogramm (µg) pro Liter ermittelt – das Zehnfache dessen, was als Vorsorge-Schwellenwert für „relevante“ Pestizid-Metaboliten definiert ist.

„Relevant“ oder doch nicht „relevant“?

Ob ein Abbauprodukt als „relevant“ eingestuft wird oder nicht, ist mehr oder weniger eine politische Entscheidung. TFA ist noch nicht als „relevant“ eingestuft worden; Burtscher-Schaden kritisiert, dass eine solche Einstufung schon längst hätte erfolgen müssen, nachdem neue Studien eine stärkere Gefährdung nahelegen.

Die Testergebnisse sind 44 Wasserversorgungsanlagen zugeordnet worden, aus denen insgesamt 3,9 Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgt werden. Die gemessenen Konzentration von TFA liegen zwischen 0,05 und 4,6 µg/l. Der Durchschnitt aller Wasserversorgungsanlagen eines Bundeslandes ergeben den Länder-Wert.

  • Hinter Tirol (0,46 µg/l) rangieren

  • Salzburg (0,58 µg/l)

  • Kärnten (0,61 µg/l)

  • Vorarlberg (0,62 µg/l)

  • Wien (0,63 µg/l)

  • Burgenland (0,65 µg/l)

  • Niederösterreich (1,02 µg/l)

  • Steiermark (1,23 µg/l) und

  • Oberösterreich (2,36 µg/l)

Burtscher-Schaden schreibt die Belastung der Verwendung von PFAS-Pestiziden zu, ebenso wie fluorierten Gasen (die in Kälte- und Klimatechnik verwendet werden und ein hohes Treibhaus-Potential haben), und industrielle Einträge, die aber nicht flächig, sondern nur punktuell Belastungen hervorrufen.

Die Schwellen- und Grenzwerte in Europa sind allerdings nicht übersichtlich. So gilt ein europaweiter Schwellenwerte für PFAS und „relevante“ Metaboliten innerhalb der EU mit 0,1 µg/l, während in Wallonien und den Niederlanden ein Trinkwasserwert von 2,2 µg/l verordnet ist. In Dänemark gilt eine Grenze von neun µg/l, in Flandern 15,6 µg/l und in Deutschland 60 µg/l.

„Rasch reduzieren“

„Nach derzeitigem Kenntnisstand stellen die gemessenen TFA-Konzentrationen im Trinkwasser kein unmittelbares Gesundheitsrisiko dar“, sagt Hans Peter-Hutter, Leiter der Umweltmedizin an der Med-Uni Wien. Aber: „Aufgrund der extremen Persistenz und der zunehmenden Belastung ist Vorsorge jedoch entscheidend – und das heißt, die Einträge dieser Stoffe rasch zu reduzieren. TFA wird als reproduktionstoxisch bewertet; zudem gibt es Hinweise auf hormonelle und immunologische Wirkungen. Da die Umweltbelastung seit Jahren zunimmt – vor allem durch PFAS-Pestizide und fluorierte Gase –, ist ohne Gegenmaßnahmen mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Aus ärztlicher Sicht“, so der Umweltmediziner, „gilt es, das zu verhindern.“

Unterdessen rückt auf der europäischen Ebene der Chemiekonzern Alzchem in den Fokus scharfer Kritik. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, ein Pestizid, dessen Anwendung in der EU verboten ist, in andere Länder zu exportieren. Konkret geht es um Dormex, das den Wirkstoff Cyanamid enthält.

„Schwächerer Arbeits- und Umweltschutz“

Eine Allianz von „Women on Farms Project“, Umweltinstitut München, PAN (Pesticide Action Network) Germany, INKOTA-Netzwerk und Dachverband der Kritischen Aktionärinnen wirft dem Konzern vor, dass „ gezielt in Länder mit schwächerem Arbeits- und Umweltschutz exportiert“ werde. Dormex gelte „für die reguläre Verwendung in der EU als zu gefährlich. Außerdem mangle es an einer klaren Ausstiegsstrategie „für hochgefährliche Pestizide“. Peter Clausing von PAN Germany erklärt: „Solange Alzchem am Export von Dormex festhält, wird der Konzern seiner Verantwortung nicht gerecht.“ Der Dachverband Kritischer Aktionäre fordert, dass wegen dieser Exporte auf der Hauptversammlung der Aktionäre die Entlastung des Vorstands verweigert werden solle.

Unterdessen beteuert Alzchem in einem Statement, dass Dormex „die Produktion von Früchten und Nüssen in Regionen ermögliche, in denen dies klimatisch nur schwer oder unter großem wirtschaftlichen Risiko möglich wäre. Je geringer die Winterkälte, desto wichtiger wird der Einsatz von Dormex.“ Im Übrigen lege der Konzern „höchsten Wert auf die Qualität und die sichere Anwendung ihrer Produkte“.

Zur Gefährlichkeit heißt es: „Wie die meisten Chemikalien ist Cyanamid in konzentrierter Form nicht ungefährlich. Es bedarf besonderer Vorsicht beim Umgang.“ Und: „Alzchem respektiert in jedem Fall die autonome Entscheidung jedes einzelnen Landes, Dormex zuzulassen oder nicht.“ Aber: „Wenn Alzchem den Export von Dormex in Länder mit ordnungsgemäßer Zulassung einstellen würde, würde sich die Situation in den Anwendungsmärkten indes wahrscheinlich eher verschlechtern.“

„Unzureichende Schutzausrüstung“

Die Allianz der NGOs weist die Behauptung des Konzerns “entschieden“ zurück. „Berichte aus landwirtschaftlichen Regionen, insbesondere aus Südafrika, schildern unzureichende Schutzausrüstung, fehlende Informationen, mangelnde Schulungen und schwere gesundheitliche Folgen für Landarbeiter*innen.“


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