Bisher kaum beforscht werden die Folgen der Allgegenwärtigkeit von Ultra-Feinstaub. Sie werden nun in einer eben erschienen Studie neu bewertet. Hauptverursacher sind fossile Energien.
Sehr, sehr klein: Ultra-Feinstaub ist mit freiem Auge nicht zu erkennen und misst bloß 100 Nanogramm. Dies entspricht einem Milliardstel Meter – oder der 100-fachen Größe eines Haares.
Ins Blut und ins Gehirn
Forschende der Universitätsmedizin Mainz haben unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz und des Cyprus Institute in Nikosia ein globales Abbild von der Belastung durch die ultrafeinen Partikel (UFP) erstellt. Dabei wurden Satellitendaten, Informationen über die Landnutzung und Messdaten aus 155 Orten mittels maschinellen Lernens ausgewertet.
Erstmals gelang dies in einer Auflösung von einem Quadratkilometer. Die Daten wurden über den Zeitraum 2010 bis 2019 zusammengeführt. UFP dringen nicht nur tief in die Lunge ein, sondern können ins Blut und in weiterer Folge auch ins Gehirn gelangen (sowohl über die Blutbahn als auch über die Riechschleimhaut).
Besonders hoch in Ost- und Südeuropa
In Städten liegen die mittleren UFP-Konzentrationen zwischen 10.000 und 30.000 Partikeln. Die Zahl der Opfer wird auf 1,99 Millionen Menschen geschätzt – diese „Übersterblichkeit“ ist ein statistischer Wert, der sich aus einer Metastudie aus epidemiologischen Studien in Europa und Nordamerika berechnet, die mehr als 13 Millionen Teilnehmende umfasst. Mit einer Sicherheit von 95 Prozent liegt die Zahl der vorzeitigen, durch UFP verursachten Todesfälle zwischen 0,81 und 3,89 Millionen.
Anders dargestellt: In Europa ist (statistisch) mit 35,7 Fällen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu rechnen, in Nordamerika mit 27,4 Fällen. Als „besonders hoch“ wird die Belastung in Süd- und Osteuropa bezeichnet. Weltweit entfallen die durch Ultrafeinstaub bedingten Todesfälle zu 91 Prozent auf Stadtgebiete, wovon 78 Prozent auf dicht besiedelte urbane Zentren entfallen.
„Konkretes Werkzeug für die Politik“
Jos Lelieveld, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und Erstautor der Studie: „„Ultrafeinstaub ist buchstäblich ein blinder Fleck der Luftreinhaltepolitik: Er wird von keiner Vorschrift erfasst, obwohl er in unseren Städten allgegenwärtig ist. Mit unseren Daten können wir erstmals weltweit zeigen, wo die Belastung am höchsten ist und welche Quellen dafür verantwortlich sind – insbesondere die Verbrennungsprozesse im Verkehr, in der Industrie und in der Energieerzeugung. Das gibt der Politik ein konkretes Werkzeug an die Hand, um gezielt gegenzusteuern.“
Die Studie unterstreiche, dass „ultrafeine Partikel ein bislang unterschätztes Risiko für das Herz-Kreislauf-System darstellt, heißt es in einer Aussendung des MPIC in Mainz.“ Die Studie zeigt auch, dass die ultrafeinen Partikel überwiegend aus Ruß und organischem Kohlenstoff bestehen. Weltweit entfallen rund 75 Prozent der Belastung aus fossilen Brennstoffen, „in Ländern mit hohem Einkommen sind es sogar mehr als 90 Prozent“. Allerdiengs spielen in einkommensschwächeren Ländern zusätzlich das Verbrennen von Holz in den eigenen vier Wände eine wichtige Rolle.
„Wir brauchen verbindliche Grenzwerte“
Thomas Münzel, Seniorprofessor am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz: „Für uns in der Kardiologie ist besonders alarmierend, dass ultrafeine Partikel die natürlichen Schutzbarrieren des Körpers umgehen und direkt ins Blut und sogar ins Gehirn gelangen können. Wir sehen in unseren eigenen Arbeiten, wie das Herz-Kreislauf-System auf diese Belastung reagiert: mit oxidativem Stress, geschädigten Blutgefäßen und einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.“
„Rund die Hälfte der weltweit durch Ultrafeinstaub verursachten Todesfälle geht auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück. Das macht deutlich: Luftreinhaltung ist Herzgesundheit. Wir brauchen dringend verbindliche Grenzwerte und eine routinemäßige Überwachung von Ultrafeinstaub, so wie es sie längst für Feinstaub gibt.“
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