Unglaublich: Temperaturen, jenseits von „unmöglich“

(c) Pixabay

Weite Teile Europas sind fest im Griff einer Hitzewelle von außergewöhnlichen Ausmaßen. In einer Studie zeigt World Weather Attribution, dass dies Folge des Klimawandels ist.

Nur wenige Wochen nach der Rekord-Hitze, der sich im Mai über große Teile Europas ausgebreitet hatte, hat sich nun die nächste Hitzewelle aufgebaut. Betroffen sind vor allem Großbritannien, Frankreich sowie die mittel- und osteuropäischen EU-Staaten. Auch im südlichen Europa gab und gibt es brütende Hitze.

Fünf bis 12 Grad über Durchschnitt

Die Temperaturen liegen in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Südengland dabei fünf bis 12 Grad Celsius über dem saisonalen Durchschnitt. Ausgelöst wird diese Wetterlage durch ein Hochdruckgebiet, das heiße Luftmassen aus Afrika bringt.

Friederike Otto, Professorin für Klimawissenschaften am Imperial College London: „Die Wetterlage an sich ist nicht ungewöhnlich. Aber die Temperaturen sind es.“ Einen Zusammenhang mit dem aufkommenden El Niño-Southern Oscillation (ENSO) gibt es nicht.

Unter die Lupe genommen haben 14 Wissenschafterinnen und Wissenschafter die Wetterlage seit dem 18. Juni. Eingeschlossen in die Arbeit sind auch die Wetterprognosen bis 30. Juni.

Wahrscheinlichkeit bei 1 : 10.000

Das Ergebnis der Analysen ist eindeutig. 1976 noch hätte eine derartige Wetterlage, wie sie jetzt herrscht, als „unmöglich“ gegolten. Auf der Basis von damals lag die Wahrscheinlichkeit derartiger Temperaturen bei 1 zu 10.000. 1976 lag die globale Durchschnittstemperatur um 0,3 Grad über dem vorindustriellen Level (und um mehr als 1,1 Grad niedriger als heute). Signifikant ist auch, dass Juni nicht die Periode des Jahres sind, in denen die höchsten Temperaturen gemessen werden.

Theodore Keeping, Klima-Forscher am Imperial College London: „Die drei Tage hoher Nachttemperaturen wären nicht möglich gewesen ohne Klimawandel, und die drei Tage der Tages-Maxima zu irgendeinem Zeitpunkt des Jahres ist heute 500 Mal wahrscheinlicher als vor 50 Jahren.

Vor 50 Jahren um 2,4 Grad kühler 

Wäre die heutige Wetterlage vor 50 Jahren aufgetreten, dann wäre die Tages-Temperaturen um 3,5 Grad Celsius geringer gewesen als die heutigen Rekordwerte. Und die drei kühlsten Nacht-Temperaturen wären 1976 um 2,40C kühler als heute.

Die nunmehrige Hitzewelle ist „eindeutig“ eine Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels – das zeigt die Auswertung der drei heißesten Tage und Nächte im am stärksten betroffenen Gebiet sowie auf die 19 Hauptstädte der betroffenen Länder.

In der Arbeit wurde auch die „Wet Bulb Global Temperature“ (WBGT) herangezogen – sie zeigt, wie sich die Hitze auf Organismen und Vegetation auswirken. Dabei werden nicht nur die aktuellen Temperaturen herangezogen, sondern auch Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung (durch Wind oder Ventilator) und Hitze-Abstrahlung. Umschrieben wird dies oft auch mit dem Begriff „Hitze-Stress“.

In 45 Prozent der Städte zu hohe Luftfeuchtigkeit

In 45 Prozent von 854 untersuchten europäischen Städten (mit mehr als 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. ist die Luftfeuchtigkeit über den für Innenräume definierten Grenzwert.

Carolina Pereira Marghidan, Forscherin am Klimazentrum des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds: „Mit den weiter steigenden Temperaturen wächst die Kluft zwischen dem Tempo des Klimawandels und dem Tempo der Anpassung. Trotz flächendeckender Hitzewarnsysteme und Hitzeaktionspläne auf dem Kontinent beeinträchtigt die Hitze weiterhin Gesundheit, Verkehr, Energiesysteme und den Alltag. Wir brauchen dringend mehr Investitionen in hitzebeständige Häuser, Städte und Infrastruktur, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten.“

Drei Viertel leben in Städten

Und weiter: „Wir wissen, dass es in Städten heißer ist als im Umland und dass es nächtens länger braucht, bis sich die Temperaturen abkühlen. Drei Viertel der Bevölkerung Europas lebt in Städten. Europa ist besser als andere Regionen auf Hitze-Wellen vorbereitet.

Aber nur ein Fünftel der europäischen Haushalt hat Klimaanlagen. In Großbritannien haben aber nur fünf Prozent der Haushalte Klimanlagen – ein krasser Unterschied zu den USA oder Japan, wo eine Mehrheit Klimaanlagen zur Verfügung hat.“

Für den konkreten Zeitraum dieser Studie wurde keine Betrachtung der Folgen für Menschen, Tiere und Vegetation angestellt, doch weiß man aus vergleichbaren Untersuchungen in der Vergangenheit, dass durch Hitzestress mehr vorzeitige Todesfälle verursacht werden, als durch alle anderen Naturgefahren zusammen.

Sommer 2022: 60.000 Hitze-Tote

Im Sommer 2022 starben in Europa mehr als 60.000 Menschen an den Folgen extremer Hitze. Selbst im darauffolgenden Sommer, der deutlich kühler war, wurden über 47.000 hitzebedingte Todesfälle registriert. 2025 kostete die erste Hitzewelle in Europa, die ebenfalls Ende Juni auftrat, schätzungsweise 2.300 Menschenleben in nur zwölf europäischen Städten. Neben den direkten Auswirkungen auf die Sterblichkeit beeinträchtigt extreme Hitze Ökosysteme, Infrastruktur und den Alltag. Trockenheit verschärft sich.

In Städten ist die Belastung stärker – aufgrund der Wärmeinseleffekte, alternden Gebäudebestands und sozioökonomische Ungleichheiten. So sind ärmere Bevölkerungsgruppen stärker von Hitze-Stress betroffen, weil sie tendenziell in schlechter isolierten Häusern leben und keine Kühlung haben. „Dies unterstreicht die dringende Notwendigkeit einer gerechten Anpassung, Gebäudesanierungen, passiver Kühlmaßnahmen und einer hitzebeständigen Stadtplanung“, heißt es in der Studie.

Otto: „Ja; ja; nein; ja; nein“

Friederike Otto, Professorin für Klimawissenschaften am Imperial College London: „Wissenschaftler wie ich wiederholen sich langsam. Jahr für Jahr geben wir ähnliche Aussagen ab, um auf immer extremere Hitzewellen zu reagieren. Ja, es ist der Klimawandel; ja, wir sind daran schuld; nein, es ist nicht El Niño; ja, wir haben die Lösungen; nein, wir setzen sie nicht schnell genug um. Es geht jetzt wirklich darum, welche Zukunft wir gestalten wollen.“


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