Helga Kromp-Kolb: „So ähnlich wie ein Narr am Königshof“

Im „news330“-Interview erläutert die renommierte Klimawissenchafterin Helga Kromp-Kolb, weshalb das Klimagesetz eine Hülle ohne Inhalt ist, der Kanzler nur Zaungast bleibt und das Verteidigungsministerium übersehen worden ist. Sie erinnert auch daran, dass Österreich einmal ein Fan strenger Klimaziele gewesen ist, Wien weder Athen noch Kairo wird und warnt, warum es nicht ausreicht, nur über Netto-Null zu reden.

news330: Was war der erste Gedanke, als dieser Gesetzesentwurf öffentlich zugänglich war?

Helga Kromp-Kolb: Leere Hülle. Ich habe das einmal so beschrieben, dass es vergleichbar ist mit einem Versprechen, das Kinder einander im Spiel abgeben, aber am Rücken zwei Finger überkreuzen. Dann hat das Versprechen nicht gegolten. Man tut so als ob. So inhaltsleer hätte ich mir den Entwurf nicht vorgestellt.

Versagen und Gefährdung

Wie sieht dieses Gesetz aus wissenschaftlicher Sicht aus?

Die Klimaentwicklung geht immer weiter und beschleunigt sich. Je später wir anfangen, etwas zu unternehmen, desto schwieriger und aufwendiger wird es einerseits und andererseits desto unwahrscheinlicher, dass wir das Klima noch stabilisieren können. Also aus naturwissenschaftlicher Sicht ist jede Verzögerung ein Versagen und eine Gefährdung.

In den bisher eingelangten Stellungnahmen ist die Botschaft unmissverständlich: Das Gesetz muss verbindlich, konkret und auf klare Ziele ausgerichtet sein? Was fehlt diesem Gesetz, um dies zu erreichen?

Alles. Krass ist, dass im Entwurf explizit ausgeschlossen wird, dass die Klimagesetzgebung einklagbar wird. Sich Selbstimmunität zuzuschreiben, finde ich mutig in dieser Zeit – das steht nämlich im Widerspruch zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, den Österreich laut Verfassung anerkennt.

Klimaschutz müsste ausserdem ein zentrales Thema sein, für das der Kanzler Verantwortung trägt. Der ist im politischen Steuerungsgremium sozusagen nur Gast.

Der wissenschaftliche Beirat ist völlig zahnlos. Er müsste selber aktiv werden dürfen und nicht nur auf Fragen antworten. In England zum Beispiel muss die Politik begründen, warum sie Vorschläge des Beirates nicht übernimmt.

Das ist Verzögerungstaktik

In einer Stellungnahme steht der Satz: „Durch das hinauszögern des Klimafahrplans sind die Klimaziele 2030 defacto nicht mehr erreichbar.“ Ist das so?

Ja. Wenn man dann erst 2028 anfängt zu agieren, dann bleiben ja nur zwei Jahre. Im Grunde ist das (AdR: der Gesetzesentwurf) nicht mehr als die Festlegung von drei Gremien – und einigen Papieren, die zu erarbeiten sind und festlegen, was in der Folge zu tun ist. Das ist nichts als Verzögerung.

Was das Klimagesetz ja eigentlich sollte: klarlegen, wer welchen Beitrag bis wann zu leisten hat. Das gilt sowohl für die Sektoren als auch für die Bundesländer und den Bund. Weder das eine noch das andere steht drinnen, sondern alles wird verschoben auf noch auszuarbeitende Papiere.

Verteidigungsministerium muss dabei sein

Ein anderes Statement lautet: „Ein Vorhaben dieser Tragweite zu definieren ohne klare Verbindlichkeiten und Konsequenzen, bedeutet, dass eine Zielerreichung nicht beabsichtigt ist.“ Passt das zu den Beobachtungen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftern gemacht haben?

Ja, im Grunde genommen schon. Und das hat ja der zuständige Minister in der Präsentation des Papiers und in den Interviews, die er danach gegeben hat, mehr oder weniger auch gesagt. Er hat dabei alles, was man vielleicht noch aus dem Gesetz hätte herauslesen können an Verpflichtung als „nicht verpflichtend“ erklärt. Dass Herr Totschnig überhaupt kein Interesse daran hat, dass das Gesetz leistet, was es vielleicht leisten könnte, scheint mir schon ziemlich offensichtlich.

Jetzt gehen wir ein bisschen zurück in die Vergangenheit. In…

… zum Entwurf ist noch etwas zu sagen: Unter den Ministerien, die am Steuerungsgremium teilnehmen sollten, ist das Verteidigungsministerium nicht enthalten. Ich halte aber die Klimafrage für eine ausgesprochene Sicherheitsfrage. Und zwar nicht nur international, sondern auch national. Das Militär müsste da unbedingt drinnen sein.

Warum genau?

Weil wir sowohl, wenn wir nichts tun, mit Schwierigkeiten rechnen müssen, als auch wenn wir jetzt mit der Geschwindigkeit, mit der wir es eigentlich tun müssten, handeln: So kann es zu Machtverschiebungen kommen, die zu Konfrontationen führen.

Marina Fischer-Kowalski und andere Wissenschafterinnen und Wissenschafter zeigen in einer Studie, dass der Übergang von einem Energiesystem zu einem anderen in zwei Drittel der Fälle mit gewaltsamen Auseinandersetzungen einhergegangen ist. Und das waren Veränderungen, wo am Ende mehr Energie pro Person zur Verfügung gestanden ist. Wir gehen einer Veränderung entgegen, wo weniger Energie pro Person zur Verfügung steht.

In der Politik ist, international und dann auch in Österreich, die von Menschen gemachte Klimaänderung in den 1980er Jahren zum Thema geworden. Wie hat sich seither die Gesprächsebene zwischen Wissenschaft und Politik entwickelt?

Mein Eindruck ist, dass wir im Moment gar keine Gesprächsebene haben. In der Vergangenheit hat es immer wieder Beiräte gegeben, die von der Politik eingesetzt worden sind. Anfangs hatten wir es dabei mit einem Minister, einer Ministerin zu tun, in der Folge mit der Ebene von Sektionschefs und den Abteilungsleitern. Aber immerhin: Es hat den Kontakt der Wissenschaft zumindest mit der politischen Verwaltung gegeben. Ich glaube, das gibt’s jetzt gar nicht mehr, als Gremium.

Überarbeitungen in Ministerien

Seit wann ist diese Ebene weg?

Schon ziemlich lang. Ich hab einmal recherchiert, als so ein Gremium (wieder einmal) in die Bedeutungslosigkeit geschlittert ist – das war in der Zeit Molterers…

…Wilhelm Molterer (ÖVP), dessen Amtszeit als Umweltminister Ende Februar 2003 zu Ende ging.

… Ja, das ist ziemlich lange her. Verändert hat sich auch der Umgang mit der Expertise. Früher gab es Berichte der wissenschaftlichen Gremien, die auch so publiziert wurden, wie sie die Gremien geschrieben haben. Das hat sich zur Usance verschoben, dass Beamte diese Papiere überarbeiten und sie dann als Papier des Ministeriums herausgeben. Es ist nicht mehr zu unterscheiden: Was sagt eigentlich die Wissenschaft und was sagt die Politik…

… Wann ist das erstmal so aufgetreten?

Das wird auch schon 15 Jahre her sein. Das war so eine langsame, schleichende Entwicklung. Dass wir überhaupt nicht mehr befragt werden, das ist jetzt die dritte Legislaturperiode. Wobei interessanterweise auch die Grünen da keine Kehrtwende geschafft haben.

Österreich als Fan strenger Ziele

Den Kontakt von den Grünen zur Wissenschaft – hat es denn gegeben oder nicht?

Nicht institutionalisiert. Ich habe das mehrfach eingefordert: Wenn ihr nächstes Mal nicht mehr dabei seid (AdR: in der Regierung), müssen Institutionen geschaffen worden sein, die dann halten – eine Nachfolgeregierung muss sich erst zur unangenehmen Aufgabe durchringen, eine Beratungsinstitution abzuschaffen, die sich bewährt hat. Solche Gremien haben sie nicht geschaffen. Ob Sie nicht konnten oder nicht wollten, kann ich nicht sagen. Aber: Sie haben sich schon beraten lassen, von Einzelpersonen und sie haben Papiere eingeholt; aber es war eben nicht institutionalisiert.

In den 1990er Jahren wurden viele Berichte für die Politik zusammengestellt. Hätte man damit schon konkret Umweltpolitik machen können?

Ja, es wäre auf jeden Fall möglich gewesen. Was damals, glaube ich, noch gefehlt hat, ist das Verständnis der Dringlichkeit. Österreich hat ziemlich lange an einem strengeren Ziel festgehalten, dem Toronto-Ziel…

.… aufgrund dessen die CO2-Emissionen bis 2005 um ein Fünftel hätten reduziert werden sollen – mit einem Basisjahr 1988, in dem die Emissionsmenge um fast vier Prozent niedriger war als 1990, dem Basisjahr für das Kyoto-Protokoll. Toronto-Ziel war also de facto noch ambitionierter. Als Umweltminister haben das vier ÖVP-Ministerinnen und Minister hochgehalten, zuletzt Martin Bartenstein bis 2000…

… als Wirtschaftsminister dann nicht mehr. Ab da war vom Toronto-Ziel keine Rede mehr.

Vertrauen in die Politik ist geringer

Gibt es Länder, in denen die Umweltpolitik besser lief – in der Schweiz zum Beispiel oder in den skandinavischen Ländern?

Mit der Schweiz habe ich mich zu wenig beschäftigt, um eine Aussage treffen zu können. Auf jeden Fall ist Umweltpolitik besser gelaufen in den skandinavischen Ländern. Es gibt eine Analyse, die zeigt: Politik kann dann progressiv sein, wenn es Vertrauen der Bevölkerung in die Politik gibt. Da schneiden die skandinavischen Länder einfach deutlich besser ab. Nicht zuletzt deswegen hat Schweden eine CO2-Steuer, die wirklich nennenswert ist. Letztlich hat man das auch bei Corona gesehen. Da kam Schweden mit wesentlich weniger Regeln aus als Österreich.

Wir haben das Problem, dass das Vertrauen in die Politik gering ist und die Politik sich daher auch nichts traut.

Hat Österreich eine wissenschaftsbasierte Politik?

Nein, eine solche Tradition gibt es nicht. Ich habe mehrfach Politikern geraten sich etwas zu trauen und sich dabei darauf zu berufen, dass die Wissenschaft sagt, diese Maßnahme sei notwendig. Dann wären sie ein bisschen aus der Schusslinie. Aber auch das haben sie nicht gemacht. Und leider ist die Sozialpartnerschaft ein Hemmnis. Ich bin ein großer Fan der Sozialpartnerschaft nach dem Krieg gewesen, weil die Probleme, die damals zu lösen waren, wirklich mit dieser Konstellation der Sozialpartner leichter lösbar waren. Aber inzwischen liegen die Probleme auf einer anderen Ebene. Wir müssten die Sozialpartnerschaft erweitern, zum Beispiel um eine Vertretung der Umwelt, der Jugend und der Bildung. Deren Interessenslagen müssten in der Sozialpartnerschaft vertreten sein, wenn sie weiterhin diese gewichtige Rolle in der Gesetzgebung Österreichs spielen soll.

Welches Rollenverständnis geben die Politiker:innen den Wissenschaftlerinnen?

Ich habe den Eindruck, dass die Politik Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eher belächeln und sie als naive Figuren aus dem Elfenbeinturm sehen, die von der realen Welt nichts verstehen; die Idealvorstellungen haben, die in der Realität nicht umsetzbar sind. So ähnlich wie der Narr am Königshof. Der hat die Freiheit gehabt, Wahrheiten zu sagen. Wenn es dem König gepasst hat, dann hat er sie wahrgenommen. Wenn nicht, dann hat er es belächelt.

Chance für Verbesserungen

Liegt das daran, dass die Wissenschaft auch schwer verdaulicher Botschaften überbringt…

… aber auch Lösungen. Es ist ja nicht nur so, dass wir sagen: Passt auf, ihr seid auf dem falschen Weg. Sondern es gibt auch Lösungsvorschläge. Und es ist ja nicht so, dass alles, was jetzt zu tun wäre, auf tiefe Ablehnung stößt. Da ließen sich viele in der Bevölkerung und in der Wirtschaft dafür gewinnen.

Wenn wir jetzt auf die vergangenen 40 Jahre zurückblicken: Was hätte da die Wissenschaft im Umgang mit dem Thema und mit der Politik anders machen sollen?

Im Rückblick haben wir, insbesondere in der Klimawissenschaft, viel zu lange das Bedrohungsszenario in den Vordergrund gerückt. Aus rein naturwissenschaftlicher Sicht ist das verständlich: Die Entwicklung ist einfach bedrohlich. Aber wir haben viel zu spät und noch immer nicht ausreichend aufgezeigt, wie es aus einer positiven Perspektive aussieht: Das ist jetzt die Chance, Vieles zu verbessern! Sozialwissenschaften haben sich sehr spät eingeschaltet und die Wirtschaftswissenschaften waren auch nicht gleich dabei. Die Folge ist, dass hierzulande immer noch geglaubt wird, dass die Klimakrise vor allem ein technologisches Problem ist. Das sieht man ja gerade bei der ÖVP, also mit E-Fuels oder CCS (AdR: Carbon Capture and Storage; Abfangen und Verflüssigen von CO₂, um es unterirdisch zu deponieren) – es werden vor allem technologische Lösungen eines gesellschaftlichen Problems propagiert.

Es geht schneller als wir dachten

Schauen wir in die Zukunft, aufbauend auf der Tatsache, dass die Durchschnittstemperatur im globalen Mittel um fast 1,5 Grad Celsius gestiegen, also das Paris-Ziel ausbremst ist. Worauf muss sich die Welt in den nächsten 20 Jahren klimatisch einstellen? Was bedeutet eine immer wieder genannte Erhöhung um 2,7 Grad bis zum Jahr 2100?

Die Szenarien, die die Wissenschaft berechnet hat, halten mit der Realität nicht Schritt. Wir messen in Österreich mittlere Temperaturen, die wir aufgrund der Szenarien erst für 2040, 2045 erwartet haben. Es geht also schneller, als wir dachten. Und das gilt auch global, nicht ganz so krass zwar, aber doch. Die starke Beschleunigung der Erwärmung seit 2015 ist noch nicht rechtlos erklärt.

Das heißt also: Die Erwärmung kann nur stärker ausfallen?

Ja. Diese 2,6 Grad könnten eine Unterschätzung dessen sein, was uns bevorsteht.

Die letzte große Frage, die in der Klimawissenschaft im Raum gestanden ist, war die Rolle der Aerosole (AdR: Aerosole sind ein Gemisch aus festen und flüssigen Schwebeteilchen und Luft, die sich laufend durch Kondensation und Verdampfen verändern).

Ja, das ist nach wie vor offen, es fehlt vor allem an Daten. Zu einem Teil könnte die beschleunigte Erwärmung auch mit der geringeren Bewölkung über den Meeren zu tun haben. Weniger Wolken bedeutet weniger Reflexion. Warum die Bewölkung über den Ozeanen so stark zurückgegangen ist, ist weniger klar. Die Wissenschaft ist da derzeit geteilter Meinung: Die einen glauben, das hängt mit der weniger verschmutzenden Schifffahrt zusammen, die anderen sagen, das reicht zur Erklärung nicht aus. Die wissenschaftliche Diskussion ist noch nicht abgeschlossen.

5,4 Grad Celsius in Österreich

Wenn wir jetzt von einem Plus von 2,7 oder 2,8 Grad Celsius im globalen Mittel bis 2100 ausgehen: Was bedeutet das für die Alpenländer, wo die Durchschnittstemperatur bisher um fast drei Grad Celsius gestiegen ist, also das Doppelte – also bis 2100 dann 5,4 Grad?

Ja. Über den Daumen gepeilt kann man das schon so annehmen. Ab dem Zeitpunkt, wo unsere Gletscher weg sind und die Schneedeckendauer ohnehin minimal ist, wird sich dieses Verhältnis verändern. Da werden die Alpen nicht um so viel schneller wärmer werden wie der Durchschnitt der Welt. Aber im Moment ist das sicher noch gültig.

Heißt das dann, dass Österreich meteorologisch nicht mehr Athen wird, sondern Kairo?

Ich habe mit diesen Vergleichen immer ein Problem, weil sie an der mittleren oder maximalen Temperatur hängen. Aber sie sagt nichts über den Winter oder die Variabilität aus. Solche Klimazonenverschiebungen stimmen in der Form nicht. Auch wenn es wärmer wird: Es wird nach wie vor die Kaltluft-Einbrüche von Kontinental-Eurasien geben; wir werden Spätfröste haben – spät deshalb, weil die Pflanzen früher austreiben. Sommer- oder Durchschnittstemperaturen allein machen ja das Klima nicht aus.

Was bei uns wirklich zum Problem werden wird, massiv, ist, dass vor allem in Niederösterreich und im Burgenland landwirtschaftliche Betriebe ohne künstliche Bewässerung nicht mehr auskommen werden, und das nötige Wasser keineswegs sichergestellt ist. Also, eigentlich dort, wo der Großteil heimischer Lebensmittel produziert wird. Der zuständige Minister beruhigt, aber ich sehe nicht, dass wirklich daran gearbeitet wird, dieses Problem zu lösen.

Manche landwirtschaftlichen Produkte kann man von einem Jahr zum anderen umstellen. Aber eine ganze Region umzupolen, inklusive Weinbau und Obstbau, funktioniert in einer Legislaturperiode nicht. Das muss man schon planen. Die letzte große Studie dazu stammt aus 2018. Die Kollegen haben mir gesagt, derzeit schaue es so aus, dass sie das Geld für eine Aktualisierung bekämen. Darum mussten sie betteln. Wir wollen es offenbar einfach nicht wissen.

Haben die Politiker den Ernst der Klimafrage verstanden?

Wenn man aus ihrem Verhalten schließt, dann nein. Ich bin nicht sicher, ob nicht manche als Personen das sehr wohl verstanden haben, sich aber in einer, wie soll ich sagen, Zwangslage befinden durch den Druck, den Interessensgruppen ausüben, sodass sie nicht anders können. Das weiß ich nicht. Aber das Ehrliche wäre dann, das offenzulegen und zurückzutreten, würde ich zumindest meinen.

Nicht angesprochen haben wir bisher die Kipppunkte: Was ist hier zu erwarten, wo und mit welcher Auswirkung?

Kipppunkte zeitlich festzumachen ist schwierig. Aber das, was wir beim AMOC (AdR:Atlantic Meridional Overturning Circulation oder Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation, die unter anderem den Golfstrom ermöglicht) beobachten, deutet darauf hin, dass der Kipppunkt eher früher kommt als später. Klar muss uns jedenfalls sein: Wir brauchen uns um weitere Kipppunkte kaum sorgen, denn wenn der AMOC kippt, haben wir eine dramatische Umstellung. Rockström (AdR: Johan Rockström, Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung) hat das als planetare Katastrophe bezeichnet.

In Bergen ein Minus von 35 Grad Celsius

In welcher Intensität ändert sich der Golfstrom?

Die Berechnungen zeigen, dass der warme Oberflächenstrom langsam schwächer wird und dann sehr plötzlich praktisch auf Null absinkt, weil die Strömung viel weiter südlich in die Tiefe absinkt. Kipppunkt ist eben nicht nur eine allmähliche Schwächung, sondern ein plötzlicher Vorgang. In einer Studie wurde die These vertreten, dass dieser plötzliche Vorgang am wahrscheinlichsten gegen 2056 geschehen kann. Diese Arbeit ist heftig kritisiert worden. Aber sie zeigt, dass wir nicht davon reden, dass dieser Kipppunkt in 200 Jahren geschehen kann, sondern viel früher, noch in diesem Jahrhundert. Dafür gibt es auch andere Anhaltspunkte.

Ein Golfstrom, der früher abtaucht – was bedeutet das?

Es gibt eine wissenschaftliche Arbeit, in der zufällig auch Wien betrachtet wird. Im Sommer wäre es um ein Grad kühler, im Winter um fünf bis sieben Grad – innerhalb von zehn Jahren. Aber in Bergen (Küstenstadt in Norwegen, in der 1990 eine Klimakonferenz stattgefunden hat) zum Beispiel wäre das ein Minus von 35 Grad. Gleichzeitig würde sich der gesamte Monsungürtel verschieben und deshalb auch der Regenwald im Amazonasbecken, der ohnehin schon an der Kippe steht, kippen. Mit der Verschiebung des Monsungürtels würden Hungersnöte in Asien und Afrika auftreten. Mitteleuropa, vor allem Österreich wären an der Grenze zwischen den kälter werdenden Polarregionen und den wärmer werdenden Tropenregionen; die Wettervariabilität würde zunehmen: einmal warm, einmal kalt – auch nicht etwas, was unserer Landwirtschaft oder unserer Natur gut tut.

Zu wenig, nur über Netto-Null zu reden

Gesetzt den Fall, dass alle Staaten der Welt radikal auf die Bremse steigen und mit den Treibhausgasen herunterfahren: Wie lange dauert es, bis die Erwärmung zurückgeht?

Zurückgehen? Das geht langsam. Wenn wir jetzt die Emissionen stoppen, also Netto-Null erreichen, dann herrscht eine bestimmte Treibhausgaskonzentration. An die passt sich die Temperatur an. Erst wenn die Konzentration an Treibhausgasen geringer wird, geht auch die Temperatur zurück. Keine anthropogenen Emissionen allein genügen nicht. Es muss auch die Natur in der Lage sein, das CO2 aus der Atmosphäre wieder herauszuholen. Technologische Möglichkeiten sehe ich erst in der fernen Zukunft. Das ist jedenfalls ein langwieriger Prozess.

Es ist eben zu wenig, nur über Netto-Null zu reden, es ist auch entscheidend, wieviel bis zu Netto-Null emittiert wird. Wenn die Konzentration zu dem Zeitpunkt hoch ist, dann heißt das zum Beispiel, dass weiterhin der Permafrost auftaut, und dass weiterhin Methan freigesetzt wird, dass weiterhin die Gletscher zurückgehen. Wenn weiterhin Permafrost auftaut, wird zwar nicht durch Menschen, aber über die Natur Methan in die Atmosphäre eingebracht, usw.

Was müsste geschehen, um diese Entwicklung zu ändern?

Wir müssten schauen, dass dieses Netto-Null bei einer möglichst niedrigen Konzentration erreicht wird. Also möglichst bei der heutigen. Das ist übrigens auch etwas, was ich im Klimagesetz vermisse. Es geht immer nur darum: Wann sind wir auf Netto-Null, aber nicht: Wie viel emittieren wir bis dorthin. Das ist eigentlich die entscheidende Frage.

Es ist wie bei einer Badewanne. Wenn erreicht wird, dass in zwei Stunden oben gleich viel reinkommt, wie unten rausrinnt, bleibt der Wasserstand konstant. Aber wo er steht, hängt davon ab, wie viel bis dahin mehr hineingegeben wurde als rausgeronnen ist.

Vier Fragen, die Trost spenden

Was muss geschehen, um das Paris-Ziel erreichbar zu machen?

Naturwissenschaftlich ist das machbar. Mathematisch geht sich das locker aus. Die Schwierigkeit ist, was ist das tatsächliche politische, gesellschaftliche Potenzial? Und das zu beurteilen ist sehr schwierig. Kipppunkte gibt es auch in der Gesellschaft. Ich halte es für möglich, dass irgendein Kipppunkt überschritten wird und dann wirklich massiv was weitergeht (AdR: in der Klimapolitik). Aber ich sehe im Moment in der politischen Landschaft, in der wir eine AfD, einen Kickel oder eine Le Pen haben, nicht, dass die Klimaproblematik gelöst wird.

Wie damit umgehen? Der Wissenschaftler Jem Bendell ist der Auffassung, dass wir bereits unterwegs ins „Hothouse Earth“ sind. Er meint, dass eine „Deep Adaptation“ nötig sei, in der im Wesentlichen vier Fragen zu beantworten sind. Was soll die Menschheit in eine Gesellschaft mit heißerem Klima beibehalten? Etwa Daseinsvorsorge für alle, oder politische Teilhabe, gewisse Freiheiten. Was soll sie loslassen? Das wären zum Beispiel Küstenstädte, Skigebiete, vielleicht auch der private Pkw. Was sollte die Menschheit wieder-entdecken oder von anderen Kulturen übernehmen? Etwa der Natur die Rolle eines Subjektes im Rechtssystem zugestehen. Dann hätte ein Wald das Recht als Wald zu existieren und ein Fluss das Recht frei laufen zu können. Und viertens: Womit und mit wem sollten wir Frieden schließen. Die Beantwortung dieser Fragen erleichtert uns nach Bendell, durch die kommenden katastrophalen Jahre zu kommen.

Ich bin der Überzeugung, dass wir dieselben Fragen auch beantworten müssen, um die Katastrophe noch zu verhindern, wenn das noch möglich ist. Dass auch die Antworten dieselben sind, finde ich wahnsinnig tröstlich. Weil es heißt, dass man sich nicht überlegen muss, ist es zu spät oder nicht? Diese Fragen müssten wir als Gesellschaft beantworten. Nur: Wir müssten endlich einmal anfangen, darüber zu diskutieren.

Dann hätten wir eine Vision, auf die wir zustreben. Sie könnte uns dazu bringen, die notwendigen Änderungen rasch und gemeinsam umzusetzen.

Wer sollte denn in Österreich diese Fragen stellen?

Meines Erachtens gehören sie politisch diskutiert und da können auch die Medien viel dazu beitragen. Wir hatten, ich komme immer wieder darauf zurück, vor der Abstimmung über das Kernkraftwerk Zwentendorf (AdR: Das 1978, acht Jahre vor der Kernschmelze in Tschernobyl, fertiggestellt, aber wegen der Ablehnung durch eine knappe Mehrheit nie in Betrieb genommen worden ist) eine Diskussion, die wirklich landesweit geführt wurde. Es hat Veranstaltungen gegeben in allen Bundesländern, in allen wesentlichen Städten und allen Medien mit Pro und Contra. Da konnte man auf der Straße irgendwen fragen, und er oder sie hatte eine Meinung zu Zwentendorf – einschließlich Argumenten und Wissen. So etwas kann man organisieren. Und das täte Österreich so gut.

Gibt es so etwas, zumindest im Ansatz?

Vielleicht die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO, die SDGs. (AdR: Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, Sustainable Development Goals, sind Zielsetzungen der Vereinten Nationen, die weltweit der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene dienen sollen; eine globale Vision, die bis 2030 umzusetzen ist). Ich glaube, ein wichtiger Versuch. Die Politik in Österreich hat das leider nie wirklich wahrgenommen als eine Orientierungshilfe und eine Hilfe, die eigene Situation zu überdenken, sondern nur als lästige, zusätzliche Berichtspflicht.


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Helga Kromp-Kolb (*1948) studierte Meteorologie an der Universität Wien und promovierte 1971. Sie arbeitete als wissenschaftliche Assistentin an der Uni Wien und habilitierte 1982 im Spezialbereich Umweltmeteorologie. Sie war an der Zentralanstalt für Meteorlogie und Geodynamik (heute: „Geosphere Austria“) tätig, ehe sie an der San José State University in Kalifornien forschte.

Wieder zurück in Wien war sie Dozentin an der Universität und leitete von 1986 bis 1995 die Abteilung Umweltmeteorologie. 1995 wurde sie ordentliche Universitätsprofessorin am Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien. Kromp-Kolb wurde wegen ihrer Forschungstätigkeit und ihres Engagements zum globalen Klimawandel bekannt und arbeitete – quer durch die Jahrzehnte – an zahlreichen Arbeitsgruppen und Kommissionen mit. Kromp-Kolb ist Präsidentin des Forums Wissenschaft & Umwelt.

Sie wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien und dem Großen Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und erhielt das Ehrendoktorat der Technischen Universität Graz.

Sie ist Autorin und Co-Autorin zahlreicher Bücher:

  • Helga Kromp-Kolb: Für Pessimismus ist es zu spät. Wir sind Teil der Lösung. Molden Verlag, 2023, ISBN 978-3-222-15111-8.
  • Helga Kromp-Kolb, Herbert Formayer: Plus zwei Grad: Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten. Molden Verlag, Oktober 2018, ISBN 978-3-222-15022-7.
  • Helga Kromp-Kolb, Thomas Gerersdorfer (Hrsg.): Ethik und Ressourcenverknappung Schriftenreihe der Initiative Weltethos Österreich. LIT Verlag, 2013, ISBN 978-3-643-50458-6.
  • Dennis Meadows, Erich Valentin, Siegfried Sellitsch und Helga Kolb: Haben wir 30 Jahre lang geschlafen? Zum Update der Grenzen des Wachstums. Protext, April 2007, ISBN 3-929118-64-5.
  • Helga Kolb, Herbert Formayer: Schwarzbuch Klimawandel. Wie viel Zeit bleibt uns noch? Ecowin Verlag, März 2005, ISBN 3-902404-14-0.

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