Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Imperial College in London legt einen ersten Bericht vor, in dem die Rolle der von Menschen gemachten Klimaänderung an der Katstrophe im Grenzgebiet von Nepal und der chinesischen Provinz Tibet untersucht wird.
Mehr als 1.300 Menschen kamen ums Leben, 5.000 werden noch vermisst. Drei Wochen nachdem Eis eines überhängenden Gletschers, sowie Wasser, Felsen und Gesteinslawinen am 26. August talwärts gerast sind, liegt nun ein erster Bericht vor, in dem die Ursachen der Katastrophe betrachtet werden. Durchgeführt wurde diese Arbeit von World Weather Attribution (WWA) im Londoner Imperial College, dem Klimazentrum des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds, des niederländischen Meteorologie-Instituts und Partner-Einrichtungen weltweit.
Mehrere Prozesse wirkten zusammen
Friederike Otto (Professorin für Klimawissenschaften) erläutert in einer Pressekonferenz am Mittwoch, dass diese Arbeit anders sei als die bisherigen nach Extremwetterereignissen: „Das Ereignis, das wir heute betrachten, ist nicht ein Extremwetterereignis, sondern eine Fels- und Eislawine, die einen Strom von Geröll, Felsen und Überschwemmungen ausgelöst hat.“
Konkret war an der Nordseite des Langtang-Gebirges in Nepal die Fels- und Eislawine den Hang in den Fluss gestürzt, wodurch eine Geröllflut ausgelöst wurde, die entlang der Flüsse Bote Koshi und Trishull abwärts raste. In der Studie wurde das Wissen aus verschiedenen Forschungs-Gebieten zusammengetragen und nach den Faktoren gesucht, die die Katastrophe ausgelöst haben.
Walter Immerzeel, Hydrologe der Universität Utrecht: „Es handelt sich nicht um ein einziges auslösendes Ereignis; der Abruch eriegnete sich in einer Höhe von 5.150 Metern, und es wirkten mehrer Prozesse über Zeiträume von Jahren bis Jahrzehnten zusammen – anstatt dass nur ein einziger Faktor ausschlaggebend war.“

Und weiter: „Wir sehen fundamentale, unumkehrbare Veränderungen in der Gebirgswelt des Himalaya.“ Dabei hat die vom Menschen verursachte Klimaänderungen auch eine wichtige Rolle – das Steigen der Null-Grad-Grenze um etwa 100 Meter innerhalb von zehn Jahren, das Tauen des Permafrosts, das Schmelzen der Gletscher, deren Zungen sich seit 2010 um 300 Meter zurückgezogen haben. Und seit dem Jahr 2000 haben Gletscher pro Jahr einen halben Meter an Dicke eingebüßt.
Die Region zwischen 4.500 und 5.500 Metern Höhe ist eine Übergangszone im Gebirge, wo durch das Tauen des Permafrosts sich die Spannung in Felsen verändert und mehr Wasser eindringt. Die vom Menschen verursachte Erwärmung seit den vorindustriellen Jahrzehnten (1850 bis 1900) wird im Juli und August, während des Monsun, mit 1,5 Grad Celsius angegeben. Inwieweit das Gorkha-Erdbeben vom April 2015 (Magnitude von 7,8) destabilisierend gewirkt hat, lässt sich nicht sagen; „aber es ist möglich, dass dadurch das Gesteinsmassiv geschwächt worden ist“, so Immerzeel.
Heftige Niederschläge, weniger Schnee
Ben Clarke, Forscher von Extremwetter und Klimawandel am Londoner Imperial College, ergänzt, dass es im Gebirge sehr viele kleinräumige, aber heftige Niederschlagsereignisse gebe. Durch die Verfügbarkeit eines hochauflösenden Datensatzes können dazu genauere Aussagen möglich. „Die Daten deuten darauf hin, dass in den letzten beiden Jahrzehnten die Niederschlagsmenge während der Monsunzeit insgesamt zugenommen hat, während gleichzeitig ein Rückgang beim Schneefall zu verzeichnen war“, so Clarke. Aber: „Wir können also nicht mit Sicherheit sagen, ob diese Trends langfristig Bestand haben oder eindeutig mit dem Klimawandel zusammenhängen, da die Analyse lediglich auf Daten der letzten 20 Jahre und auf einem einzigen Datensatz basiert.“
Realität der Klimagerechtigkeit: „So drastisch wie eh und je“
Während eine exakte Aufteilung der Ursachen auf die einzelnen Faktoren wissenschaftlich nicht seriös wäre, so ist andererseits für die Wissenschafterinnen und Wissenschafter klar, dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat. Friederike Otto: „Es besteht absolut kein Zweifel daran, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel hier eine Rolle im Vorfeld der Katastrophe gespielt hat – durch das Auftauen des Permafrosts, das Abschmelzen der Gletscher und dadurch, dass bei den Niederschlägen mehr Regen statt Schnee fiel. Trotz der vielen Faktoren in der Ursachenkette ist die Realität der Klimagerechtigkeit so drastisch wie eh und je: Gemeinschaften in Nepal bezahlen mit ihrem Leben für eine Krise, die durch Emissionen fossiler Brennstoffe in Tausenden Kilometern Entfernung verursacht wird.“

























































