Kernkraft: Die Dosis macht das Gift

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Weshalb US-Präsident Trump durch die acht Buchstaben zweier Abkürzungen die US-Atomindustrie gefährdet sieht und dagegen die Executive Order 14300 in Stellung bringt. Das Wiener „Nuklearsymposium“ stellt den wissenschaftlichen Hintergrund in den Mittelpunkt.

Die Trump-Anordnung ist bereits im Mai 2025 veröffentlicht worden, wird aber jetzt, in diesem Herbst und im kommenden Frühjahr, konkret: Geplant ist, dass Anfang 2027 Kernelemente der neuen Vorgaben für die US-Atom-Aufsichtsbehörde (NRC) beschlossen werden. Auch bei diesem Thema wird bei den Midterm-Election Anfang November eine wesentliche Weichenstellung bringen.

Acht Buchstaben, zwei Abkürzungen

Ungeachtet dieser politischen Unwägbarkeiten: Worum geht es in dem Trump-Papier? Außer seiner wenig überraschenden Lobpreisung der Atomkraft und der Forderung nach einem höheren Anteil im Energie-Mix („Vervierfachung des Stroms aus Atomkraftwerken bis 2050“) zielt Executive Order 14300 (web-links am Ende des Artikels), die am 23. Mai des Vorjahres unterschrieben worden ist, auf zwei Abkürzungen ab: „LNT“ und „Alara“.

Die eine steht für das „Linear no Treshold“-Modell, die andere für „As Low as is reasonsable achievable“. Beides ist nicht nur in den USA, sondern weltweit eine Formel für den Umgang mit radioaktiver Strahlung und der von ihr ausgehenden Gefahr.

„LNT“ bedeutet, dass es für Radioaktivität keinen Grenzwert gibt, weil jegliche Dosis als schädlich anzusehen ist. Und „Alara“ bedeutet, dass nur unter besonderen Bedingungen in Kauf genommen werden kann, dass Menschen und dessen Umwelt einer Strahlung ausgesetzt werden können.

Konkret sind diese Begriffe nicht, sie werden in unterschiedlichen Ländern auch unterschiedliche interpretiert. Trotzdem sind sie Trump ein Dorn im Auge. Er meint, dass es weder für „LNT“ noch für „Alara“ eine wissenschaftliche Basis gebe und dass diesen beiden Begriffen und deren Anwendung anzulasten sei, dass die marode Nuklear-Industrie der USA veraltet sei. Dem solle EO 14300 entgegenwirken.

Änderungen bereits 1973

Bereits lange vor den Trump-Präsidentschaften war die Bedeutung der beiden Begriffe Änderungen unterworfen. Schon 1973 ist in einer Fachpublikation aus „dosis is kept as low as readily achievable“ (Hervorhebung durch den Autor) ein „dosis be kept as low as readily achievable“ geworden (link am Ende des Artikels). Die eine Formulierung stellt fest, die andere nicht.

Die zweite Änderung: „readily“ wurde durch „reasonably“ ersetzt – aus einem bestimmenden „ohne Verzug“ wurde ein „annehmbar“; quasi: wenn’s halt genehm ist. Und die dritte Änderung, die sich gerade breit gemacht hat, besteht darin, dass in eine Gesamtbetrachtung soziale und ökonomische Überlegungen einfließen sollen, nicht nur die gesundheitlichen.

Das 17. Nuklearsymposium, das von der der Wiener Umweltanwaltschaft und vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Universität für Bodenkultur (Boku) organisiert wurde und vor kurzem in Wien über die Bühne gegangen ist, hat sich diesem Thema gewidmet und vor allem die Risiken durch ein geringes Maß an Strahlung beleuchtet. In erster Linie ging es um die wissenschaftliche Basis, in die sowohl „Alara“ als auch „LNT“ gebettet sind. Darüber berichteten David Richardson (University of California) und Linda Walsh (Universität Zürich) auführlich.

310.000 Einzelfälle, 1944 bis 2016

Richardson präsentierte einen Überblick über eine Studie mit fast 310.000 Menschen, die entweder in der Nuklearindustrie beschäftigt waren bzw. sind, oder Veteranen, die Strahlenbelastung ausgesetzt gewesen sind (Inworks – International Nuclear Workers Study) – mit Teilnehmenden aus Frankreich, Großbritannien und den USA. Dabei wurden über Jahrzehnte die individuellen Strahlenbelastungen gemessen.

Richardson hat dabei Daten für den Zeitraum 1944 bis 2016 ausgewertet und kommt zum Schluss, dass pro zusätzlichem Sievert (Sv) die Krebshäufigkeit um etwa 52 % steigt.

Sievert ist eine Messeinheit für die Strahlenbelastung. Unter Medizinern besteht Konsens: Sofern jemand am ganzen Körper einer Belastung von fünf Sievert ausgesetzt ist, so verläuft dies „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ tödlich. Ab 500 Milli-Sievert (mSv) kommt es zu akuten Strahlenschäden, bereits ab 100 mSv erhöht sich das Krebsrisiko.

Analyse nach dem Abwurf der Atombombe

Richardson hat auch die Strahlenbelastung durch den Abwurf der Atombombe („Elona Gay“) auf Hiroshima am Vormittag des 6. August 1945 analysiert. Dabei hat er auch Material des US-Militärs ausgewertet – Aufnahmen, die an den Tagen vor dem A-Bomben-Abwurf gemacht wurden und in der Folge mit Bildern nach dem Abwurf verknüpft worden sind. Basierend darauf konnte die Ausbreitung der Belastungszonen durch Strahlung dargestellt werden. Allerdings haben sich bei der Auswertung auch Lücken aufgetan: Denn in Hiroshima starben viele durch die Zerstörungen der Infrastruktur, nicht durch die Radioaktivität selbst. Und erst 1958 wurde damit begonnen, die Strahlenopfer zu registrieren. Dennoch zeigen schon diese Datensätze, dass die Krebshäufigkeit bei Hiroshima-Überlebenden im gleichen Ausmaß steigt wie beim Personal an der Inworks-Studie. Diese Arbeit zeigt deutlich: Die Dosis macht das Gift und: Es gibt keine unbedenkliche Dosis.

Die abschließenden Ergebnisse ihrer Arbeit kann Linda Walsh (Universität Zürich) noch nicht präsentieren, wohl aber erste Hinweise. Unvollständig ist diese auch deshalb, weil sie außergewöhnliche Dimensionen hat. Das verrät bereits der Name: „The Million Person Study“. Sie hat unter anderem zum Ziel, der Gesundheitsbeeinträchtigung auf die Spur zu kommen, die durch niedrige Strahlungsdosen hervorgerufen werden. Schon jetzt zeichnet sich ab: Die Ergebnisse der Millionen-Studie werden die anderen Arbeiten, die auf dem Nuklearsymposium diskutiert wurden, nicht widerlegen. Damit wird wissenschaftlich der Beweis geführt, dass auch bereits niedrige Dosen Gesundheitsbeeinträchtigungen nach sich ziehen können – und der Ansatz von „LNT“ und „Alara“ notwendig und zielführend ist.

Limits, aber keine Grenwerte

Nikolaus Müllner, Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikoforschung: „LNT“ und „Alara“ wird tatsächlich (in den einzelnen Staaten, Anm.d.R.) sehr unterschiedlich gehandhabt. Allerdings: Über das Grundprinzip – nämlich dass die Dosis-Limits kein Freibrief sind, Personal bis zu diesen Limits zu belasten, sondern dass der Schutz der Personen nach Möglichkeit optimiert werden soll – , über dieses Prinzip herrscht weitgehend Einigkeit. So gilt in den meisten europäischen Ländern für strahlenexponiertes Personal ein Limit von 50 mSv in einem Jahr und 100 mSv in fünf Jahren, aber wenn es nicht gerade zu einem Unfall kommt, liegt die maximale, jährliche Individualdosis in einem Kernkraftwerk bei etwa drei mSv.“

In den Pausen des 17. Nuklearsymposiums war auch die Rede davon, wie langjährige Expertinnen und Experten der amerikanischen Atomaufsicht – der Nuclear Regulatory Commission (NRC) – „Handshakes“ für ihren Ausstieg angeboten bekommen hätten – eine der Folgen von Elon Musks’ Aktivitäten mit der „Doge“-Behörde (Department of Government Efficiency). Thema war auch, dass der Beschluss eines Grenzwerts dazu führen könnte, dass in Unternehmen, in denen die Radioaktivität bis zu dem Grenzwert nicht ausgeschöpft wird, „Guthaben“ entstehend könnten, die ins nächste Jahr mitgenommen werden könnten – über einen Zeithorizont von mehreren Jahren hinaus.

Bedeutung für den Rest der Welt

Was bedeutete es nun für den Rest der Welt, wenn das US-Gesetz mit den Neu-Regulierungen für die US-Atomaufsicht tatsächlich so umgeschrieben wird, wie dies die Trump-Administration anpeilt? „Das bleibt abzuwarten“, meint Instituts-Leiter Müllner. „Wenn US-Firmen im Nuklearsektor exportieren wollen, dann kann es durchaus sein, dass Länder, die Nuklear-Komponenten aus den USA geliefert bekommen, ihre nationalen Vorschriften denen der USA angleichen.“ Abschließend meint Müllner: „Bisher war die NRC eine gut ausgestattete Behörde. Es gab einen soliden Fokus auf die Sicherheit und die NRC-Beiträge haben eigentlich meist zu verbesserten Sicherheitsstandards der internationalen Atomenergiebehörde geführt.“


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