Aus dem Reaktorkern 4 – Erinnerung an nukleare Episoden: Tschernobyl

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Diesmal Tschernobyl in der Ukraine. Am 26.4.1986, vor 40 Jahren,
fรผhrte ein fehlerhafter Test im AKW Tschernobyl zu einem GAU โ€“ dem grรถรŸten anzunehmenden Unfall, wie oft behauptet wird.

Auch jetzt, 40 Jahre nach der Katastrophe, ist im Zusammenhang mit den verhรคngnisvollen Ereignissen an jenem 26. April 1986 von einem โ€žGAUโ€œ die Rede, einem โ€žgrรถรŸten anzunehmenden Unfallโ€œ. Tatsรคchlich war der verheerende Unfall von damals nicht anzunehmen und vorstellbar โ€“ schon gar nicht in der sowjetischen Atom-Nomenklatura, genauso wenig aber auch nicht bei den Expertinnen und Experten der Atomindustrie in den USA oder anderen westlichen Lรคndern, die Atomkraftwerke in Betrieb hatten.ย โ€žNicht vorstellbarโ€œ deshalb, weil es fรผr schier unmรถglich gehalten worden ist, dass so eine Katastrophe รผberhaupt geschehen konnte – zu stark war der Glaube an die Robustheit der Technik.

RBMK – modern, modul und schlankย 

Die Reaktoren des Typs RBMK (Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny), die in Tschernobyl in Betrieb waren, galten in der Sowjetunion als der Schlรผssel fรผr eine rasche Weiterentwicklung auf dem Atomsektor. Die Reaktoren waren grosso modo in den 1960er Jahren entwickelt worden. Die Idee war, Komponenten zu genehmigen und dann baugleiche Anlagen mit bewรคhrter Technologie rasch an anderen Standorten zu errichten, modern, modul und schlank. Begonnen wurde mit dem Bau der Serie in Leningrad (St. Petersburg), Ignalina, Kursk und der ersten beiden Reaktoren in Tschernobyl.

Der RBMK ist ein graphitmoderierter Siedewasser-Reaktor โ€“ allerdings ohne Druckbehรคlter, der ersetzt wurde durch eine hohe Anzahl von Druckrohren. Dadurch sollte es mรถglich sein, jeden Brennstab einzeln zu kรผhlen โ€“ soweit jedenfalls der Plan. Zum Zeitpunkt des Tschernobyl-Unfalls waren 16 RBMK-Reaktoren im Stromnetz.

Start am 25. April, um 01:06 Uhr

Jรคhrliche Test wurden als Routine abgehakt, so auch am 25. April 1986, als ein derartiger Test um 01:06 Uhr (Ortszeit; in Mitteleuropa 23:06 Uhr am 24.4.1986) gestartet wurde, indem eingeleitet wurde, die Reaktorleistung herunterzufahren. Die Gesellschaft fรผr Anlagen- und Reaktor-Sicherheit (GRS, ein deutsches gemeinnรผtziges Unternehmen zur Forschung auf dem Gebiet der Reaktorsicherheit) hat den Unfallhergang in 40 Einzelpunkte โ€žzerlegtโ€œ und minutiรถs aufgerollt.

Demnach hรคtte es bereits sechs Stunden nach dem Start des Test zu einer Notabschaltung kommen mรผssen. Eine Kette von Reaktionen im Reaktor und auch Fehlbedienungen innerhalb von 24 Stunden haben den Reaktor zur Explosion gebracht โ€“ um 01:24 Uhr Ortszeit.

Abschaltung, aber trotzdem Leistungs-Anstieg

Im GRS-Dossier heiรŸt es dazu: โ€žWรคhrend des Versuchs kam es am 26. April 1986 um 1:23 Uhr wegen unvorhergesehener unzulรคssiger Anlagenzustรคnde zu einem Anstieg der Leistung, der durch die Regelung nicht mehr kompensiert werden konnte. Die eingeleitete Abschaltung per Hand fรผhrte durch die Besonderheiten des RBMK-Kerns zu einem extrem schnellen Anstieg der Energiefreisetzung in den Brennelementen, die den Reaktorkern vollstรคndig zerstรถrte. Die im Brennstoff freigesetzte Energie sorgte auch dafรผr, dass das umgebende Kรผhlmittel schlagartig verdampfte. Der so entstandene extreme Druckanstieg im Reaktorkern fรผhrte zur Zerstรถrung des Reaktors und des ihn umgebenden Gebรคudes.โ€œ

Und weiter: โ€žDie obere Platte des Reaktors wird emporgeschleudert, alle Druckrรถhren werden abgerissen. Kernmaterial und brennende Graphitteile werden ausgeworfen. Der Reaktor brennt, weitere Brรคnde entstehen in der Umgebung. Massive Freisetzung von radioaktiven Spaltprodukten.โ€œ Durch die Hitze des brennenden Graphits werden die radioaktiven Stoffe in mehr als 1.200 m Hรถhe geschleudert.

Drei radioaktive Wolken รผber Europa

Die radioaktive Belastung ist durch drei radioaktive Wolken รผber ganz Europa transportiert worden. Die erste hat die radioaktive Belastung von Tschernobyl in Richtung Nordwesten getragen, รผber Polen und vor allem nach Skandinavien. Hier sind auch die ersten Verdachtsmomente aufgetaucht, dass es einen Atomunfall gegeben haben muss: Bei Schichtwechsel im AKW Forsmark wurde bei jenen, die zu Schichtbeginn kamen, eine hรถhere Strahlenbelastung gemessen als bei jenen, die getestet wurden, ehe sie nach Hause gingen.

Eine offizielle Meldung aus der Ukraine gab es nicht: Der Geheimdienst KGB hatte Telefonverbindungen gekappt und verhindert, dass jegliche Information nach auรŸen drang.

Eine zweite radioaktive Wolke zog รผber die Slowakei, die tschechische Republik (beide Lรคnder waren damals noch in einem Staat โ€“ der Tschechoslowakei โ€“ vereint), ร–sterreich, Schweiz, Sรผdtirol und Deutschland.

600.000 Liquidatoren

Die dritte Wolke Anfang Mai schlieรŸlich ging in Richtung Sรผden, betroffen waren Rumรคnien, Bulgarien, Griechenland, Jugoslawien und die Tรผrkei. Die Belastungszone zog sich aber auch รผber die Benelux-Staaten, Italien, Frankreich und GroรŸbritannien. Radioaktiven Niederschlag gab es vor allem rund um das Kraftwerk selbst sowie in ร–sterreich, Rumรคnien und Griechenland.

Die Freisetzung endete am 6. Mai, nachdem die รœberreste des Reaktors vier mit Sand, Lehm, etwa 2.400 Tonnen Blei und 2.600 Tonnen Blei zugeschรผttet worden sind. Fรผr diese Arbeiten wurden aus allen Teilen der Sowjetunion Soldaten und Freiwillige zum Atomkraftwerk befohlen. Deshalb verwischt sich auch die Zahl der Opfer, weil der Gesundheitsverlauf dieser โ€žLiquidatorenโ€œ nicht konsequent ausgewertet wurde. Deren Zahl wird auf 600.000 geschรคtzt.

4000 Todesopfer – oder doch 60.000?

Nach Angaben des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen fรผr die Wirkungen ionisierender Strahlung (UNSCEAR) entwickelten 134 Personen ein akutes Strahlensyndrom; 28 von ihnen starben bis Ende 1986 an den unmittelbaren Folgen der Strahlenexposition. Von den weiteren Folgen waren und sind vor allem Belarus, der Ukraine und Russland betroffen. Eine erhรถhte Krebsrate fรผhrt nach moderaten Berichten zum vorzeitigen Tod bei etwa 4.000 Menschen.

The other report on Chernobyl (Torch) geht allerdings von 30.000 bis 60.000 zusรคtzlichen Krebserkrankungen aus, die auf den Unfall von Tschernobyl zurรผckzufรผhren sind. 40 Prozent Europas bekamen eine erhรถhte Caesium137-Belastung ab.

Sarkophag mehrmals unter Beschuss

Seit Beginn der Invasion russischer Truppen ist Tschernobyl mehrmals unter Beschuss geraten. Dabei sind auch Geschosse auf den Sarkophag, die Umhรผllung des Reaktors vier, abgegeben worden. Inwieweit dessen Funktionalitรคt in Mitleidenschaft gezogen worden ist, lรคsst sich in voller Tragweite nicht abschรคtzen; ein Austritt radioaktiver Stรคube ist allerdings mรถglich..

Am Standort gibt es auch ein Lager der im Betrieb der vier Reaktoren entstandenen radioaktiven Abfรคlle mit einer Gesamtkapazitรคt von 50.210 Kubikmetern (und von mittlerer Radioaktivitรคt); etwa 35.000 Tonnen feste Abfรคlle. Sie mรผssen behandelt werden, ehe sie fรผr eine Endlagerung geeignet sind.

Der Reaktorunfall im Reaktor 4 von Tschernobyl gilt als schwerster Unfall in einem Atomkraftwerk und ist von der internationalen Atomenergieagentur (IAEA) als INES 7 โ€“ Ereignis eingestuft.


Aus dem Reaktorkern


โ€žAus dem Reaktorkernโ€œ versteht sich als Beitrag zur Energie-Debatte, in der es des รถfteren heiรŸt, Atomkraft garantiere eine sichere und gรผnstige Energiequelle, und erinnert an bekannt gewordene Vorfรคlle, die aufgrund der IAEA-Klassifizierung als INES 4 bis INES 7 eingestuft werden.

Diese Abgrenzung geschieht vor dem Hintergrund, dass Ereignisse ab INES 4 aufwรคrts rasch katastrophale Zรผge annehmen kรถnnen, wenn im Ablauf eines Krisenmanagements im Kraftwerk Unwรคgbarkeiten auftreten. Je hรถher die INES-Einstufung desto schlimmer die Folgen.ย 



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