Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Spielorte der bevorstehenden Fußball-WM in den USA aus einer anderen Perspektive betrachtet. Das Ergebnis: Alle Beteiligten sind durch extreme Hitze gefährdet.
„Deutlich höher“ sei das Gesundheitsrisiko bei der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in den USA. Die Analyse von World Weather Attribution (WWA) hat die Wetterverhältnisse der WM 1994, die in den USA stattgefunden hat, und die zu erwartenden meteorologischen Bedingungen der WM 2026, die ebenfalls in den USA über die Bühne gehen wird, verglichen.
Nicht nur die Temperatur allein
Dabei wurde nicht nur die bloße Temperatur herangezogen, sondern die so genannte „Wet-Bulb-Globe-Temperature“ (WBGT): die ist ein Index, der außer der gemessenen Lufttemperatur auch die Luftfeuchtigkeit, Wind, Sonneneinstrahlung und die Kühlungsmöglichkeit des menschlichen Körpers berücksichtigt. Ein WBGT von 28 Grad Celsius entspricht 38 Grad Celsius bei trockener Hitze und 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit.
Die globale Spielergewerkschaft FIFPRO hat für Matches bei Hitze Forderungen formuliert, die unter anderem darauf hinauslaufen, dass ab einem WBGT von 26 Grad Maßnahmen ergriffen werden müssen – etwa Kühlung.

Das WWA hat unter der Annahme der tatsächlichen Spielzeiten die Wahrscheinlichkeit errechnet, ob Matches bei weniger oder bei mehr als 26 Grad WBGT zur Austragung kommen. Ergebnis: Etwa ein Viertel der Fußballspiele werden bei mehr als einer WBGT über 26 Grad ausgetragen werden. Vermutlich fünf Spiele werden bei einer WBGT von 28 Grad stattfinden.
Ein Drittel der Spiele ohne Klimaanlage
Durch den vom Menschen verursachten Klimawandel werden diese Bedingungen deutlich wahrscheinlicher gemacht. Kühlung mindert das Risiko in drei der 16 Spielstätten, aber mehr als ein Drittel der Spiele finden in Stadien ohne Klimaanlage statt, darunter Miami, Kansas City, New York und Philadelphia.

Das betrifft auch das Finale in New York/New Jersey. Dort besteht eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 8, dass die WBGT von 26 Grad überschritten werden könnte. Mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa drei Prozent könnte eine WBGT von 28 Grad erreicht werden. Das Risiko dafür ist etwa doppelt so hoch wie 1994.
In Dallas und Houston sind die Stadien zwar gekühlt, aber die Fans haben eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 3, außerhalb der Arena Temperaturen über einer WBGT von 28 °C ausgesetzt zu sein.
Besonders heiß im Finale der WM
18 Spiele in der K.o.-Phase sind in Open-Air-Stadien angesetzt, in denen die Wahrscheinlichkeit für Temperaturen über 26 °C (WBGT) während des Spiels bei mindestens 1 zu 10 liegt. Dies betrifft das Finale, das Spiel um Platz drei und zwei Viertelfinalspiele.
Auch bei Kühlung in den Stadien sind die Fußball-Fans hitzegefährdet, zumal an jedem der 16 Austragungsorte Open-Air-Feste für Fußball-Fans geplant sind. Hunderttausende könnten von der Hitze betroffen sein.

Klimawandel ist bei alledem ein Schlüsselfaktor: Die umfassende Attributionsstudie des WWA bestätigt, dass das seit der WM 1994 beobachtete erhöhte Risiko auf die vom Menschen verursachte Erwärmung zurückzuführen ist. Joyce Kimutai, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Extremwetter und Klimawandel am Imperial College London: „Etwa die Hälfte des vom Menschen verursachten Klimawandels hat seit der letzten Weltmeisterschaft in Nordamerika 1994 stattgefunden. Infolgedessen hat sich das Klima, in dem das Turnier heute stattfindet, innerhalb von nur 32 Jahren grundlegend verändert.“
Verschiebung mindert Risiko nur wenig
„Obwohl die Organisatoren versucht haben, das Risiko zu minimieren, indem sie einige Spiele in risikoreichen – nicht gekühlten – Orten wie Miami und Kansas City auf einen späteren Tageszeitpunkt verlegt haben, besteht ein sehr reales Risiko, dass wir mit Spielen unter Bedingungen konfrontiert werden, die für Spieler und Fans unsicher sind.“
„Die Berechnungen zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass Spiele der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 unter hohen WBGT-Bedingungen stattfinden, stimmen mit den 2023 veröffentlichten Berechnungen von FIFPRO überein,“ sagt Vincent Gouttebarge, Medizinischer Direktor von FIFPRO. „Diese Schätzungen rechtfertigen die Notwendigkeit und Umsetzung einer Reihe von Maßnahmen zur Risikominderung, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Spieler bei Hitze besser zu schützen.“
Chris Mullington, ein Facharzt für Anästhesie am Imperial College Healthcare: „Wenn die WBGT 26 °C übersteigt, kann die Leistung der Spieler beeinträchtigt werden. Ab 28 °C steigt das Risiko schwerer Hitzebeschwerden. Hitzschlag, die schwerste Form der Hitzebeschwerden, ist lebensbedrohlich, und ältere Menschen sowie Menschen mit Vorerkrankungen sind besonders gefährdet. Klare und objektive Richtlinien sind unerlässlich, um Spieler und Fans bei extremer Hitze während des Turniers zu schützen.“
„Weckruf für die FIFA und die Fans“
Dr. Friederike Otto, Professorin für Klimawissenschaften am Imperial College London, sagte: „Unsere Forschung zeigt, dass der Klimawandel einen realen und messbaren Einfluss auf die Durchführbarkeit von Weltmeisterschaften im Sommer der Nordhalbkugel hat. Das sollte ein Weckruf für die FIFA und die Fans sein zu erkennen, dass kein Bereich der Gesellschaft vom Klimawandel unberührt bleibt.“
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