Die Atomindustrie behauptet, eine Renaissance zu erleben. Eine solche ist allerdings bei genauer Betrachtung nicht zu erkennen. Das österreichische Umweltbundesamt legt dazu eine Studie vor.
Die tschechische Republik hat Verträge für Groß-AKW abgeschlossen, die Slowakei liebäugelt zwar mit den vielgepriesenen SMR (Small Modular Reactors), gibt aber Atom-Großprojekten den Vorzug. Und auch Frankreich setzt auf herkömmlich große Reaktoren.
Doch kein AKW in Auschwitz
Polen, wo noch vor zwei Jahren von einem halben Dutzend Kleinreaktoren die Rede gewesen ist – unter anderem von einem Projekt in Auschwitz –, setzt auf AKW-Großprojekte. Somit sind China und Russland die einzigen Länder, in denen auf SMR gesetzt wird.
Das österreichische Umweltministerium hat vor kurzem eine Studie auf English (und nun die Zusammenfassung in Deutsch) veröffentlicht. Dabei wird die Atombranche kritisch unter die Lupe und deren Behauptung von einem bevorstehenden Höhenflug auf Realisierungsmöglichkeiten abgeklopft.
Nicht vor den späten 2030ern am Netz
Bisher hat in der EU noch kein SMR eine Baugenehmigung erhalten, kein derartiges Vorhaben ist in Bau. Lediglich ein in der EU entwickeltes Design hat das Genehmigungsverfahren erreicht. Selbst optimistische Aussagen von Atom-Befürwortern gehen davon aus, dass neue AKW in Europa nicht vor den späten 2030er-Jahren ans Netz gingen.
Die bestehenden industriellen Kapazitäten sind auf die Komponenten großer Reaktoren ausgelegt (Druckbehälter, Dampferzeuger, Turbinensysteme, Leittechnik). Im Mittelpunkt steht derzeit, dass das Leben der bestehenden AKW verlängert wird – und nicht in die Entwicklung neuer Prototypen und Designs investiert wird.
Mangel an qualifiziertem Personal
Aufgrund der begrenzten Zahl von neuen AKW-Bauten ist die Kompetenz für derartige Projekte rapide zurückgegangen. Dazu kommt noch, dass es auf lange Sicht am entsprechend qualifizierten Personal mangelt, ebenso wie an den Mannschaften für ein kontinuierliches Funktionieren der behördlichen Kontrolle. Beide Faktoren seien ein großer Bremsklotz für einen Boom von Atomkraftwerken.
Rentabilität, so der UBA-Report, wäre nur dann gewährleistet, wenn es „anhaltende Produktionsmengen von mehreren Dutzend Einheiten pro Jahr über mehrere Jahrzehnte hinweg“ gäbe. „Diese Mengen sind jedoch nach wie vor spekulativ, da sie nicht durch feste Aufträge oder konkrete Projektpipelines untermauert sind.“
Dazu kommt noch, dass 60 Prozent der SMR-Designs auf Brennstoffformen basieren, „welche noch nicht in kommerziellem Maßstab verfügbar sind. Daher sind erhebliche Investitionen und Zeitaufwand erforderlich, um die Fertigungsinfrastruktur und Qualifizierungsprozesse aufzubauen.“
Typisierung ist fernab jeder Griffweite
Immer wieder wird von der Atombranche das SMR-Konzept gepriesen, weil durch standardisiertes Zusammenbauen typisierter Bestandteile (vergleichbar mit der Typisierung von Autos) Kosten und Bauzeit verringert werden könnten. In der Praxis ist nichts davon in Griffweite: Vorschriften und Genehmigungsverfahren sind Sache der einzelnen Mitgliedsstaaten. Design-Anpassungen wären durch nationale Anforderungen nötig, was es als „unwahrscheinlich“ erscheinen lässt, dass typisierte Einzelteile der Atomkraftwerke noch vor den 2030er-Jahren verfügbar wären.
Im UBA-Bericht wird auch bezweifelt, dass kleinere Atomkraftwerke die hohen Temperaturen liefern kann, die Industrie-Sektoren wie Zement, Stahl, Chemie, Aluminium oder Raffinerien benötigen. Somit blieben SMR auf die Lieferung von Strom beschränkt, womit die Reaktortechnologie – SMR und auch nukleare Großanlagen – in direkte Konkurrenz zu anderen Energieformen tritt.
Wirtschaftliche Lasten und Abhängigkeiten
In diesem Match schneiden schon jetzt Atomkraftwerke am schlechtesten ab, und erneuerbare Energien am besten. „Für erneuerbare Energien wird ein deutlicher Rückgang der Stromgestehungskosten erwartet (55 % für Solar-PV und 12 % für Onshore-Wind bis 2050), während die Kostenentwicklungen neuer Kernkraftwerke weitgehend stagnieren.“
Auch wenn bei Erneuerbaren immer wieder zusätzliche Netzt-Integrationskosten von zehn bis 25 € pro MegaWattstunde ins Treffen geführt werden, so liegen sie unter den Systemkosten der Kernenergie (20 bis 50 €/MWh). Nicht berücksichtigt sind dabei die Anlaufschwierigkeiten neuer SMR-Typen, die auch die finanzielle Performance beeinträchtigen können.
Außerdem entstehen Abhängigkeiten – die Lieferung der Vorläufer-Rohstoffe und deren Verarbeitung zu Uran-Brennstäben wird auf dem internationalen Markt stark vom russischen Atomkonzern „Rosatom“ beherrscht. Sollte SMR in Europa tatsächlich durchstarten wollen, dann haben europäische Hersteller bzw. Zulieferer das wirtschaftliche Problem, dass russische (und chinesische) Hersteller eher Performance zeigen, zumal in diesen Ländern Erfahrung mit SMR besteht.
Eingeschränkte Flexibilität
Die Infrastruktur des Brennstoffkreislaufs sei in der Regel an bestimmte Reaktortypen gebunden, so das UBA, weshalb eine frühzeitige Einführung bestimmter SMR-Technologien die Länder an langfristige Lieferketten und Abhängigkeiten binde – wodurch die Flexibilität eingeschränkt werde, sofern sich „ausgewählte Reaktortypen später als unwirtschaftlich erweisen sollten“.
Und weiter: „Die starke weltweite Konkurrenz durch staatlich geförderte Mitbewerber in Verbindung mit der begrenzten Binnennachfrage, hohen Mengenschwellen für die Kostenwettbewerbsfähigkeit sowie inhärenten regulatorischen und geopolitischen Risiken zeigt, dass die Euratom-Mitgliedstaaten für die Förderung des Einsatzes von SMRs besonders ungeeignet sind.“
Budget-Überschreitung und Verzögerung
Auch die Behauptung, die Klein-Atomkraftwerke seien unerlässlich, um die Klimakrise zu mildern, zerbröseln beim genauen Hinschauen. Das Gegenteil ist der Fall: Für die Energiewende, die angesichts der Klimakrise dringend nötig ist, kommen SMR vor allem zu spät und außerdem gingen zu wenige in jener Zeit ans Netz, in denen neue Strom-Mengen nötig sind – in den nächsten zehn Jahren.
Das UBA zitiert eine Studie zu 180 Kernkraftprojekten weltweit: 92 % haben das Budget überschritten (im Durchschnitt um 117%; etwa 1,3 Milliarden US-Dollar) und das Zeitbudget wurde bei 64% der Projekte verfehlt – um durchschnittlich 36 Monate.
USA: „Aus“ für „NuScale“-AKW
„Jüngste Erfahrungen mit SMRs bestätigen dieses Muster“, so das UBA. So seien beim NuScale Carbon Free Power Project in den USA die Baukosten von drei Milliarden US-Dollar (für ein 600-MW-Kraftwerk mit zwölf Modulen) von 2015 auf 9,3 Milliarden US-Dollar (für eine verkleinerte 462-MW-Version) mit sechs Modulen bis zum Jahr 2023 gestiegen. Am 8. November 2023 wurde das Projekt vorzeitig beendet. „Auch bei den in Betrieb befindlichen SMRs in China (Shidao Bay) und Russland (Akademik Lomonosov) haben sich die ursprünglichen Kostenprognosen verdreifacht.“
Schlussfolgerung des UBA: „Wenn eine Technologie ein außergewöhnlich hohes Maß an Risikominderung erfordert, ohne zugleich Kosten zu erreichen, die mit kohlenstoffarmen Alternativen vergleichbar sind, kann sie unter normalen Marktbedingungen kaum als wettbewerbsfähig gelten.“
„Äußerst ineffizient und kostspielig“
„Die erörterten Einschränkungen und Schwierigkeiten zeigen, dass die Rahmenbedingungen für SMRs in den Euratom-Mitgliedstaaten alles andere als optimal sind, wodurch die Voraussetzungen für die Förderung ihres Einsatzes besonders ungünstig sind. Eine Priorisierung dieser Technologie birgt daher das Risiko, äußerst ineffizient und kostspielig zu sein.“
Mehr:
- news330-link Warum Klimawandel den Atomreaktoren gefährlich wird
- news330-link Renaissance – Kein Zufall, sondern Strategie
- web-link Rahmenbedingungen für kleine modulare Reaktoren in den Euratom-Mitgliedstaaten
- web-link Framework Conditions for Small Modular Reactors in Euratom member states
- web-link Analyse von SMR-Konzepten
- web-link Analysisn of SMR Concepts
- web-link Ökonomie der Small Modular reactors – Status Quo der einzelnen SMR-Entwicklungen und Bewertung des Forums Wissenschaft und Umwelt
- web-link Ende für das SMR-AKW in Utah (UAMPS/CFCC) https://www.uamps.com/Carbon-Free
























































