World Weather Attribution hat die heftigen Regenfälle im Juni in Westafrika analysiert. Das Risiko von Extrem-Ereignissen steigt, mit ihm auch die Folgen für die Bevölkerung. Die Studie zeigt auch deutlich die Notwendigkeit von mehr Klimagerechtigkeit.
Mehr als 300 Millionen Menschen leben insgesamt in Nigeria, Benin, Togo, Ghana und Elfenbeinküste, die Mehrheit in den Küstenregionen des Golf von Guinea. In diesem Gebiet haben zwischen Mitte und Ende Juni heftige Stark-Regenfälle Überschwemmungen verursacht, die zumindest 70 Menschenleben gefordert haben. In Abidjan (Elfenbeinküste) fielen an einem einzigen Tag 172 Millimeter Regen, in Accra (Ghana) 140 mm.
Steigerung um das Fünffache?
World Weather Attribution des Imperial College London hat nun versucht abzuschätzen, in welchem Ausmaß der von Menschen gemachte Klimawandel dafür verantwortlich ist. Dabei wird die meteorlogische Realität der Gegenwart mit einer Welt verglichen, die 1,4 Grad Celsius kühler ist – und auf dem Niveau der globalen Durchschnittstemperatur der vorindustriellen Zeit läge.

Highest 3-day accumulated rainfall over the coast of West Africa during 20-22 June 2026. The study region is outlined in red. Data: TAMSAT. (WWA)
Das Ereignis im Juni ist eines, mit dem alle zwei bis vier Jahre gerechnet werden muss. In welchem Ausmaß ein solches Ereignis durch die Klimaänderung wahrscheinlicher geworden ist, lässt sich allerdings nicht mit wissenschaftlicher Genauigkeit sagen. Aufgrund der beobachteten meteorologischen Ereignisse zeigt sich, dass die Häufigkeit vergleichbarer Ereignise um mehr als das Funffache höher sein könnte. Die Intensität von drei Tagen Extremregen könnte um 23 Prozent größer sein. Aber: In diesen afrikanischen Ländern gibt es vergleichsweise wenig Klimadaten. Deshalb heißt es in diesem 126. WWA-Report: „Die Unsicherheiten um diese Zahlen sind hoch. Wichtig ist auch, welche Datensätze man heranzieht.“
„Nicht für den afrikanischen Kontinent kalibriert“
Klimamodelle wiederum weisen eine eher geringere Erhöhung der Wahrscheinlichkeit von einem Plus von vier Prozent aus. Die Modelle zeigen einen Trend zu extremeren Wetterereignissen auf, unterschätzen aber die beobachtete Erhöhung der Intensität. Insgesamt unterstützen die vorhandenden Daten aus den Modellen, dass eine Zunahme bei dreitägigen Starkregenfällen dem Klimwandel zugeordnet werden kann; aber dies wird beschränkt durch die „begrenzte Performance der Modelle und durch die Tatsache, dass keines entwickelt oder kalibriert wurde für den afrikanischen Kontinent.“
Ein besonderes Augenmerk haben die Wissenschafterinnen und Wissenschafter auch auf den Umstand, dass die Erhöhung des Meeresspiegels über den globalen Durchschnitt hinausgeht.
Aber-Millionen in informellen Siedlungen
Weitere Fakten verschärfen die konkrete Situation: Eine große Rolle spielt dabei die Urbanisierung. Kiswendsida Guigma, Technischer Berater des Klimazentrums des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds: „So haben in Ghana 23 Prozent der Menschen in Städten gelebt; heute sind es mehr als 59 Prozent. In Nigeria ist dies noch ausgeprägter, hier sind 64 Prozent der Landesbevölkerung (insgesamt 229 Millionen) in Städten. Viele dieser Menschen leben in „informellen Siedlungen“. Schutz gegen Unwetter ist hier wenig ausgeprägt, Infrastruktur, um Notsituationen besser bewältigen zu können, sind oft nicht oder nur bruchstückhaft vorhanden.
Für Joyce Kimutai, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Extremwetter und Klimawandel am Imperial College London ist „diese Studie ein klares Beispiel für die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit und mehr Klimagerechtigkeit. Denn die afrikanischen Staaten haben am wenigsten zur Klimaerwärmung beigetragen, sind aber dessen Folgen am stärksten ausgesetzt. „Industrienationen tragen die Verantwortung, Ländern wie Togo, der Elfenbeinküste und Ghana zu helfen, sich an ein sich verschärfendes Problem anzupassen, das sie nicht verursacht haben.“
„Verheerende Auswirkungen“
Kimutai meint zur Studie: „Klimamodelle haben typischerweise Schwierigkeiten, das volle Ausmaß tropischer Niederschlagstrends bei Extremereignissen wie diesem abzubilden. Daher ist die Tatsache, dass wir eine solche Rolle des Klimawandels festgestellt haben, von großer Bedeutung. In Verbindung mit dem deutlich feuchteren Trend in den beobachtungsbasierten Daten ist klar, dass die vom Menschen verursachte Erwärmung dieses Ereignis verschlimmert und feuchter gemacht hat, mit verheerenden Auswirkungen.“
Kiswendsida Guigma: „Westafrikas Küstenstädte geraten durch wiederholte Überschwemmungen und rasantes Städtewachstum unter Druck. Die Infrastruktur stößt an ihre Grenzen, und die Erholung der Bevölkerung wird erschwert.“ Und: „Um künftige Auswirkungen zu reduzieren, sind nachhaltige Investitionen in klimaschonende Programme erforderlich, insbesondere in Bereichen wie Entwässerung, sicheres Wohnen, Frühwarnsysteme und inklusive Stadtplanung. Hinzu kommt die Unterstützung der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen, damit diese sich erholen und auf zukünftige Ereignisse vorbereiten können.“
„Anpassung ist entscheidend“
Professorin Friederike Otto, Professorin für Klimawissenschaften am Imperial College London: „Es ist tragisch, aber völlig vorhersehbar, dass fast 100 Menschen in der Elfenbeinküste, Ghana und Togo ihr Leben verloren haben. Dieses Muster beobachten wir immer wieder weltweit: Das Klima verändert sich schneller, als die meisten Länder sich anpassen können. „Die Anpassung an diese mittlerweile häufigen Ereignisse ist entscheidend, aber ebenso wichtig ist es, die Emissionen deutlich schneller und umfassender zu reduzieren, damit wir mit den bereits eingeleiteten Veränderungen Schritt halten können. Ganz einfach: Solange die Emissionen nicht gestoppt werden, werden diese Extreme nur noch schlimmer werden.“
Simon Stiell, Exekutivsekretär des UN-Klimasekretariats: „Diese verheerenden Überschwemmungen sind alles andere als normal; die Klimakrise hat sie wahrscheinlicher gemacht, verursacht durch die Verbrennung enormer Mengen an Öl, Kohle und Gas durch die Menschheit. Was einst selten war, wird aufgrund der globalen Erwärmung immer häufiger, heftiger und tödlicher.
„Finanzierungs-Zusagen vollständig erfüllen“
„Doch die Lösungen sind ebenso klar: ein schnellerer Umstieg von fossilen Brennstoffen auf saubere Energie, Investitionen in Klimaresilienz und der Schutz der Wälder. Viele Länder benötigen Unterstützung, um diesen Wandel zu beschleunigen, insbesondere gefährdete Länder, die so wenig zur globalen Klimakrise beigetragen haben. Daher müssen alle Klimafinanzierungszusagen vollständig erfüllt werden.“
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