Das Ozonloch über der Antarktis ist so groß wie Nordamerika, Mexico und Brasilien zusammen. Im Interview mit „news330“ erklärt der Wissenschaftler Mark Parrington, weshalb ihn das nicht beunruhigt, obwohl die Erholung der Ozonschicht langsamer vonstatten geht als ursprünglich angenommen.
news330: Warum ist das Ozonloch heuer so groß?
Mark Parrington: Nun, erst in der letzten Woche oder so ist die Fläche auf einen der höchsten Werte angewachsen, die wir in den letzten etwa 45 Jahren beobachtet haben. Die Größe des Ozonlochs wird maßgeblich von der atmosphärischen Dynamik sowie von Größe und Stabilität des Polarwirbels, der Vortex bestimmt. Dieser umschließt den Bereich des Ozonabbaus. Wir sehen, dass die Fläche bis Ende August an sich dem üblichen Muster folgte – vielleicht ein oder zwei Tage früher als im Durchschnitt. Im September aber dehnte es sich aus. Außergewöhnlich ist heuer auch, dass sich erst in den letzten Tagen ein wirklich geschlossenes, zusammenhängendes Ozonloch gebildet hat.
Warum?
Es scheint eine Kombination aus zwei Faktoren vorzuliegen: Zum einen ist da die durch den Polarwirbel definierte Fläche – und dann die Ozonfläche, die wir über den Schwellenwert von 220 Dobson-Einheiten definieren; diese ist etwas größer, was dynamisch bedingt ist. Und in der Mitte dieses Ozonlochs gab es einen Bereich, in dem der Wert zunächst nicht unter diesen Schwellenwert von 220 Dobson-Einheiten fiel – was inzwischen jedoch geschehen ist.
Gab es eine starke vulkanische Aktivität?
Meines Wissens nach gab es keine wirklich bedeutende vulkanische Aktivität, die zu einer direkten Einbringung von Aerosolen oder Wasserdampf in die Stratosphäre geführt hätte – anders als beim Ausbruch des Hunga Tonga-Hunga Ha’apai Anfang 2022. Dem folgten Jahre, in denen der Polarwirbel sehr stark und stabil war. Das führte in der ersten Hälfte der 2020er Jahre zu diesen relativ großen Ozonlöchern; die Belege deuteten darauf hin, dass dies teilweise durch die Einbringung von Stoffen aus dem Hunga-Tonga-Ausbruch in die Stratosphäre verursacht wurde. Ich glaube nicht – zumindest ist mir nichts Gegenteiliges bekannt –, dass dies beim diesjährigen Ozonloch der Fall war.
Aber was wir seit 2020 beobachten, ist – wie gesagt –, dass die Ausdehnung des Polarwirbels, die hauptsächlich dynamisch bedingt ist, recht groß ist. Doch innerhalb dieses Polarwirbels ist der Ozon-Mindestwert innerhalb des Ozonloch-Bereichs gar nicht so niedrig; er liegt etwa im Durchschnitt. Das bedeutet: Ja, das gesamte Gebiet ist zwar relativ groß, aber das Ozonloch ist auch relativ flach ausgeprägt. Es ist kein tiefes Loch, sondern relativ flach, da die minimalen Werte der Ozon-Gesamtsäule nicht so weit unter den Schwellenwert fallen, wie wir es in einigen früheren Jahren gesehen haben.
Ist die Temperatur höher oder niedriger als im Durchschnitt?
In etwa 20 Kilometern Höhe entsprach sie weitgehend dem Durchschnitt typischer Jahre. Die Tiefsttemperatur südlich des 60. Breitengrades lag in dieser Höhe bei minus 90 Grad Celsius.
Und dann beginnt sie ab Anfang September zu steigen (weil die Sonne über der Antarktis aufgeht, Anm.). Hinsichtlich der Temperatur gibt es also nichts wirklich Ungewöhnliches. Diese Temperaturen liegen unterhalb des Schwellenwerts, bei dem sich in der Stratosphäre polare stratosphärische Wolken bilden; diese spielen wiederum eine wichtige Rolle beim chemischen Ozonabbau innerhalb des Wirbels.
Gibt es gesundheitliche Auswirkungen in Australien, Neuseeland und Südamerika?
Es gelangt mehr UV-Strahlung an die Erdoberfläche, was potenzielle Risiken für Melanome und Hautkrebs mit sich bringt. Ich denke, die Situation ist dieselbe wie in jedem Jahr.
Im Jahr 2000 hieß es, das Ozonloch werde sich rasch verkleinern. Jetzt heißt es, das werde in den nächsten 50 Jahren geschehen – also erst ab 2070. Wie lässt sich diese Verzögerung erklären?
Wir erstellen keine Prognosen oder Projektionen für derart lange Zeiträume. Wir orientieren uns lediglich am wissenschaftlichen Konsens – also an den Berichten zur Ozonüberwachung und den Veröffentlichungen des UNEP. Aber ja: Ich glaube, den neuesten Zahlen zufolge wird es bis etwa 2066 dauern (Anm.d.R.: Bezug genommen wird hier auf die offizielle Statements der WMO, in die die EMPA-Studie (siehe link am Artikelende) noch nicht eingearbeitet ist.), bis die Ozonwerte wieder das Niveau von vor 1980 erreichen. Das gilt natürlich unter der Annahme, dass es in diesem Zeitraum keine wesentlichen Klimaänderungen gibt.
Gibt es etwas, das wir als Menschheit tun können, um den Heilungsprozess der Ozonschicht zu beschleunigen?
Das ist eine schwierige Frage. Die dynamischen Aspekte sind natürlichen Ursprungs. Der Klimawandel – und womöglich auch El Niño in diesem Jahr – könnte eine Rolle bei der Größe und Stärke des Polarwirbels spielen, wenngleich wir das anhand unserer Daten nicht eindeutig bestätigen können. Mit dem Montrealer Protokoll haben wir bedeutende Schritte unternommen, um die Produktion menschengemachter, ozonabbauender Substanzen zu reduzieren und zu unterbinden.
Noch eine letzte Frage: Die Verhandlungen über die Verringerung und das Verbot von ozonzerstörenden Chemikalien gelten als Erfolgsgeschichte. Glauben Sie, dass sich diese Art von Erfolgsgeschichte eins zu eins auf die Klimaverhandlungen übertragen lässt – auch wenn das Klimathema weitaus komplexer ist und viel mehr Faktoren eine Rolle spielen?
Das Montrealer Protokoll hat im Prinzip gezeigt: Wenn ein Umweltproblem gut verstanden ist und es eine klare Lösung gibt, können wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um die Ursache dieses Problems zu beseitigen. Aber der Klimawandel umfasst viel mehr Komponenten und komplexere Zusammenhänge. Klar ist aber: Wenn Handlungsbedarf besteht, kann es funktionieren – und wir als Menschen und Regierungen können gemeinsam eine Lösung finden.
Mark Parrington ist Senior-Forscher am European Centre for Medium-Range Weather Forecasts und hat mehr als 25 Jahre Erfahrung bei der Forschung über Atmosphärenchemie und -physik. Er arbeitet auch am Copernicus Atmosphere Monitoring Service.
Mehr:
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