Der Politologe Dirk Heyen im „news330“-Interview. Er analysiert gegenwärtige Aufgeregtheiten im Umwelt- und Klima-Diskurs, weshalb für viele Menschen Elektromobilität ein Kulturkampfthema ist und wie Umwelt- und Klimaschutz wieder einen höheren Stellenwert bekommen können.
news330: Es scheint in der Gesellschaft eine Schere weiter aufzugehen: Einerseits haben Umwelt- und Klimapolitik in der breiten Bevölkerung einen hohen Stellenwert, andererseits bekommen Parteien und Gruppierungen vermehrt Zuspruch, die mit Klima und Umwelt wenig bis gar nichts am Hut haben. Wie erklären Sie sich das?
Dirk Heyen: Danke für die spannende Frage. Ja, wenn man abstrakt danach fragt, ob Klimaschutz oder Umweltschutz den Leuten wichtig ist, da stimmt immer noch eine deutliche Mehrheit zu. Man muss das aber ein wenig einschränken, dazu möchte ich drei Punkte nennen.
Bitte!
Das Bild sieht schon anders aus, wenn man nach der Bedeutung von Umwelt und Klima im Vergleich zu anderen Themen fragt, dann ist es für die Mehrheit aktuell kein Topthema mehr. Die relative Priorität ist gesunken. Wenn man sich die Umfragen zu Wahlentscheidungen anschaut, dann sind Umwelt und Klima derzeit für höchstens ein Zehntel der Befragten dafür entscheidend, welche Partei sie wählen.
Zweitens: Hohe Zustimmung gibt es, wenn allgemein gefragt wird. Wenn konkrete Einzelthemen angesprochen werden – CO2-Bepreisung,Tempolimit oder Kohleausstieg -, dann ist das nicht mehr so eindeutig. Infrastruktur-Verbesserungen oder Förderungen sind meistens beliebter; die tun ja oft keinem weh. Bepreisungen oder neue Vorschriften schneiden da schlechter ab, vor allem wenn sie die Leute und ihren Alltag direkt betreffen.
Die affektive Polarisierung ist beim Klimaschutz hoch
Und drittens: Es gibt mittlerweile eine ausgeprägte Polarisierung. Neben Migration und Ukraine wirkt Klimaschutz am stärksten polarisierend. Das zeigt das Polarisierungsbarometer der TU Dresden eindeutig.
Was bedeutet das konkret?
Es gibt zwar in Summe mehr Leute, die eher dafür sind, dass beim Klimaschutz mehr getan werden muss, aber die Ränder sind auf beiden Seiten der Bewertungsskala stark. So wählten knapp 15 Prozent der Befragten auf einer Skala von 0 bis 10 die 10 aus, die besagte, dass politische Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels schon viel zu weit gingen. Da gibt es also eine starke inhaltliche Ablehnung und es gibt beim Klimaschutz auch eine stark negative Einstellung gegenüber jenen, die anderer Meinung sind – und zwar auf beiden Seiten. Hier spricht man von hoher „affektiver Polarisierung“. Man sieht die Polarisierung auch bei einzelnen Technologien wie bei Windrädern oder E-Autos. Selbst deren finanzielle Förderung wird von manchen Bevölkerungsgruppen, wenngleich nur einer Minderheit, abgelehnt.
Worauf führen Sie diese Polarisierung zurück und warum gerade bei diesen Themen? Obwohl es triftige Argumente gibt – etwa weniger Geld für fossile Energien ausgeben zu müssen, wenn mehr erneuerbarer Strom ins Netz fließt, wenn die fossile Abhängigkeit geringer wird.
Das ist ja nicht das einzige Thema, bei dem Fakten nicht so entscheidend sind. Es hängt mit den Info-Bubbles zusammen, die von bestimmten Quellen bespielt werden, die das Thema eben nutzen. Da spielen klassische, populistische, anti-elitäre Narrative eine Rolle, die Klimaschutz als Thema für eine städtische, bürgerliche, einkommensstarke Elite bedienen, die die „einfachen Leute“ und den ländlichen Raum missachte. Verbreitet wird da auch, was populistisch oder teilweise einfach nur falsch ist.
Ausgeprägte Emotionen
Möglicherweise hat die Klima- und Umweltpolitik manchmal auch eine Steilvorlage geliefert, die dann politisch gut auszuschlachten war. Stichwort Heizungsgesetz. Als Öko-Institut sind wir natürlich für das damalige Heizungsgesetz gewesen, aus Gründen der Emissionseinsparung und auch langfristigen Kosteneinsparung für die Verbraucher*innen. Aber es war fatal, dass die damalige Bundesregierung beim Leak des Gesetzentwurfs nicht sprechfähig zur sozialen Ausgestaltung war und den übertriebenen Kostenzahlen in der Debatte nichts entgegenzusetzen hatte.
Wann war denn ein Punkt erreicht, an dem die Diskussion über Umweltpolitik aus dem Ruder zu laufen begonnen hat und es immer schwieriger wurde, mit Argumenten durchzudringen?
Kurz vor Corona, 2019, da hatten die Fridays for Future-Demos besonders großen Zulauf. Corona, glaube ich, war dann ein Einschnitt, mit dem damals einsetzenden polarisierten Diskurs. Das ganze Thema Migration war ja auch vorher schon da und polarisiert. Aber Corona brachte sehr ausgeprägte Emotionen gegenüber Andersdenkenden – und eben auch gegenüber politischer Regulierung. Viele Leute fühlten sich bedrängt und sahen sich mit aus ihrer Sicht übertriebenen Vorschriften konfrontiert, was ja auch ein starkes Narrativ im Anti-Umwelt-Diskurs ist.
Alltagsleben, Heizungskeller, Speiseteller
Das Gefühl der Bevormundung ist in der Gesellschaft einer der Triggerpunkte. Das ist auch stark beim Umwelt- und Klimaschutz: Je mehr es in das Alltagsleben geht, also in den Heizungskeller, auf den Speiseteller, in das Mobilitätsverhalten, desto eher fühlen sich die Leute bevormundet. Das führt zu sehr starken Reaktionen in Kreisen, denen Umwelt und Klima nicht so wichtig sind.
Durch eine solche Wand dringen dann auch Argumente nicht mehr durch – etwa jenes, dass Klimaschutz und Unterstützung bei Klimafolgenanpassung in Ländern des globalen Südens bewirken kann, dass es weniger Anreize gibt, in der Migration den einzigen Ausweg zu suchen. Spielt das in der Debatte eine Rolle?
Ich glaube, das ist ähnlich wie bei den klimawandelbedingten Wetterextremen, die wir jetzt diesen Sommer in ganz Europa haben. Sie führen auch nicht dazu, dass die Leute mehr Klimaschutz wollen. Ich kenne keine aktuelle Studie dazu, aber meine persönliche Erklärung ist, dass die Leute eher denken: ,Es ist eh schon zu spät. Wir brauchen mehr Klimaanlagen und noch mehr Flussvertiefungen‘. Dabei brauchen wir natürlich sowohl Anpassung an den Klimawandel als auch Klimaschutz, um das Ausmaß des Klimawandels und seiner Folgen zu begrenzen.
Heißt das, dass sich die Situation gesellschaftlich noch stärker zuspitzt und ein Ausweg nicht ersichtlich ist? Oder wird ein möglicher alternativer Weg von den Schreihälsen der heutigen Politik bloß zugedeckt?
Wir hatten vor zwei Jahren ein Alumni-Treffen hier beim Öko-Institut, da haben die alten Hasen, die mittlerweile schon in Rente sind, darauf hingewiesen, dass es so Wellenbewegungen in der Bedeutung von Umweltschutz immer schon gegeben habe. Und auch früher war es häufig bloß ,Friede, Freude, Eierkuchen’ – an der Oberfläche gut, tatsächlich aber zerbrechlich und kontroversiell.
So wie es ist, muss es nicht bleiben
Man solle nicht erschüttert sein, wenn es jetzt auch mal wieder in die andere Richtung geht, auch wenn man vielleicht rund um 2019 den Optimismus hatte, dass alle mehr Klimaschutz wollen. Insofern würde ich jetzt sagen: So wie es jetzt ist, muss es nicht bleiben – es können auch wieder bessere Zeiten kommen.
Teilen Sie diese Gelassenheit der Oldies?
Bedingt, denn wir stehen natürlich unter Zeitdruck und es macht einen Unterschied, ob fünf oder zehn Jahre früher oder später Klimaneutralität erreicht wird. Und wie gesagt, es gibt auch diese Kommunikationsblasen. Also als gelassen würde ich mich jetzt nicht bezeichnen.
Was heißt das für die Gegenwart?
Es geht jetzt zunächst einmal darum zu verhindern, dass es bei Klima- und Umweltschutz einen Rollback gibt. Studien zeigen auch, dass Maßnahmen, wenn sie erst einmal eingeführt wurden, auf mehr Zustimmung stoßen als vorher in der Debatte rund um ihre Einführung. Das klassische Beispiel ist die Gurtpflicht beim Autofahren, aber das Phänomen zeigt sich auch bei Maßnahmen wie einer City-Maut. Außerdem wollen die Menschen Planungssicherheit, keine sich ständig ändernden Rahmen- und Förderbedingungen. Das haben unsere Fokusgruppen letztes Jahr mit privaten Gebäudeeigentümer*innen aller politischer Couleur gezeigt.
Für neu einzuführende Maßnahmen gilt: Klima- und Umweltpolitik müssen so gemacht werden, dass sie möglichst gut anschlussfähig sind an das, was den Menschen aktuell wichtig ist. Wie kann Klima- und Umweltschutz dazu beitragen, dass der Alltag erleichtert wird? Wie kann er zum Einsparen von Energiekosten beitragen? Was muss getan werden, dass sich einkommensschwächere Haushalte nötige Anfangsinvestitionen leisten können, um auf längere Sicht dann Heiz- oder Stromkosten sparen zu können?
Sonnenstrom durch soziale Dynamik
Es hilft auch, wenn die Leute Selbstwirksamkeit verspüren, eventuell auch Unabhängigkeit. Das sind ja auch so Punkte: Selbstwirksamkeit, Unabhängigkeit, Autarkie, die auch in klima- und umweltskeptischen Milieus gut anschlussfähig sind. Stichwort: Solaranlage auf dem Dach mit Batteriespeicher.
Glauben Sie, dass man mit solchen Argumenten durchdringen kann?
Man muss feststellen, dass in AfD-nahen Milieus Elektromobilität tatsächlich zu einem Kulturkampfthema geworden ist. Da wird man mit Argumenten finanzieller Einsparungen wohl bis auf Weiteres nicht durchkommen. Das gilt jetzt aber nicht für alles. Solarstrom und Balkonkraftwerke erleben einen absoluten Boom und solche Dinge entwickeln manchmal eine soziale Dynamik: Wenn in Dörfern zwei, drei Leute anfangen, auf Solar zu setzen, das strahlt aus, wird zu einem sich selbst verstärkenden Prozess und schafft am Ende neue soziale Normen. Die Verkaufszahlen von Wärmepumpen stimmen mich auch optimistisch.
Reicht das aus?
Was anschlussfähig ist, welche Argumente ziehen und ob Argumente überhaupt ziehen, das ist natürlich eine Milieufrage. Es gibt vermutlich einen harten Kern, den kann man wahrscheinlich mit keinem Argument erreichen. Ich glaube aber nicht, dass das eine Mehrheit bildet.
Ist damit zu rechnen, dass mit Erstarken rechter Parteien die Beschallung durch Populismus und fake news noch stärker werden wird?
Ich denke, das schöpfen diese Parteien schon recht gut aus. Der Einfluss auf Debatten ist schon jetzt enorm. Und man darf nicht vergessen, dass es auch weite Bevölkerungskreise gibt, die sich seriöser Quellen bedienen.
Was muss denn Ihres Erachtens geschehen, dass die Polarisierung abnimmt?
Da gibt es Leute, die das besser beantworten können, weil sie sich intensiver mit Polarisierung, Medien und Kommunikation beschäftigen. Was die Umwelt- und Klimapolitik selber tun kann: Sich Gedanken zu machen, von vorneherein mögliche soziale Wirkungen und Akzeptanzprobleme zu bedenken, wenn neue Maßnahmen oder Gesetze entwickelt werden. Also: Was bedeutet es für verschiedene Bevölkerungsgruppen? Wer profitiert davon? Wer wird davon belastet? Wie können wir dafür sorgen, dass die Regelung so ausgestaltet wird, dass sie möglichst wenig belastet und für besonders viele zugänglich wird? Es braucht anschlussfähige Argumente.
Keinen Rückschritt machen
Erfolgversprechend kann auch sein, wenn es gelingt, Akteure außerhalb der Umweltszene zu gewinnen, die ein höheres Vertrauen in Teilen der Bevölkerung haben und mit ihnen gemeinsam Probleme und Lösungsvorschläge zu kommunizieren – Ärztinnen und Ärzte, Polizei, Feuerwehr, Bauern und Bäuerinnen.
Sollen wir jetzt beim Klimaschutz und beim Umweltschutz auf die Pause-Taste drücken und darauf warten, bis sich die Wogen etwas glätten? Die Wogen des Populismus und die Wogen der verbalen Radikalität?
Ich würde sagen, das Wichtigste wäre erstmal, jetzt keinen Rückschritt zu machen, denn Klimawandel und Umweltprobleme müssen angegangen werden. Je weniger wir jetzt tun, desto mehr wird es uns auf die Füße fallen. Das müssen wir klar machen. Und wir müssen noch besser aufzeigen, welche Vorteile bestehende und neue Maßnahmen jenseits von Klima- und Umweltschutz mit sich bringen.
Dirk Arne Heyen ist seit 15 Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter des deutschen Öko-Instituts. Und anderem fokussiert er seine Forschungsarbeit auf diese Themen:
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- Gesellschaftliche Aspekte von Klima-, Umwelt- und Naturschutzpolitik
- Soziale Wirkungen
- Gerechtigkeitsfragen und soziale Gestaltungsmöglichkeiten von Klima-/Umwelt-/Naturschutzpolitik
- Akzeptanz klima-/umweltpolitischer Maßnahmen und ihre Einflussfaktoren
- Nachhaltiger Konsum, inkl. Suffizienz, und entsprechende Politikmaßnahmen
- Soziale und regulatorische Innovationen
- Nach dem Studium der Politologie in Potsdam (Auslandsjahr an der Université Montpellier I) absolvierte er das Aufbaustudium (Environmental Regulation) an der London School of Economics and Political Science. Vor der Tätigkeit am Öko-Institut war Heyen wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Potsdam.
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Mehr:
- news30-link Weltweite Umfrage: Eine neue Art von Gesellschaftsvertrag
- news30-link Kommentar: Klare Antworten, klare Aufforderungen
- web-link: Polarisierungsbarometer
- web-link: Woher kommt die Motivation für Klimaschutz
- web-link: Populismus erkennen, Umweltpolitik stärken
- web-link: Podcast: Populistische Narrative im Bereich der Umweltpolitik
























































